52. Biennale
Kaputte Welt am Lido

Dass Sinnenfreude mit Schrecken einhergehen kann, macht Tatiana Trouvé mit einer Installation hinter Glas deutlich; im US-Pavillon wird Felix Gonzalez-Torres mit einem Bonbon-Teppich geehrt und Österreich fährt reine Malerei auf: Die 52. Biennale von Venedig ist politisch, weiblich und alles andere als eine Trendschau.

VENEDIG. Biennale-Kurator Nicolaus Schafhausen hat einen guten Griff getan. Er hat Isa Genzken den schwierigen Deutschen Pavillon anvertraut. Genzken wird in Fachkreisen schon lange hoch geschätzt. Doch dem breiten Publikum ist die Vielseitige noch kein Begriff. Das wird sich mit dieser 52. Biennale von Venedig ändern.

Die Bildhauerin mag den von den Faschisten instrumentalisierten Schauraum nicht. Deshalb hat sie seine Fassade durch ein Gerüst und einen roten Bau-Vorhang modernisiert bzw. verschönert. Innen zieht die 59-Jährige den Betrachter gleich hinein in ihre Sicht auf Geld, Macht, Weltraum- und Massentourismus, indem sie das Entrée verspiegelt hat.

Wir sind sofort Teil der „Oil“ genannten Installation in fünf Räumen. Die Betrachter haben, so verrät ein Detail, ihren Kredit bereits verspielt. Im Zentrum stehen Reisekoffer, darüber schweben Astronauten. An der Seite machen aufgereihte Todessymbole klar: so weiter wursteln endet tödlich. Provozierend ist bei Genzken stets die Leichtigkeit der Umsetzung. Vorgefundenes, billiges Material baut sie um zu eindringlichen, skulpturalen Welt- und Höllenbildern (vertreten durch Gal. Daniel Buchholz).

Genau gegenüber hat Daniel Buren den besten französischen Pavillon seit langem eingerichtet. Der Künstlerkollege hat als Kurator ausuferndes Bild- und Textmaterial von Sophie Calle, das nur für ein Buch gedacht war, sinnfällig an die Wand gebracht. Auf Calles Fotos und Filmen interpretieren Frauen den an Calle gerichteten Scheidebrief eines verflossenen Liebhabers. Sie singen, tanzen und dramatisieren ihn. Sie verwandeln den Text in Strichcodes, ein Kreuzworträtsel und Blindenschrift. Konzeptkunst – zugleich anschaulich, humorvoll und reflektierend (Gal. Arndt + Partner).

Wie Calle hat auch Felix Gonzalez-Torres (1957-1996) den Kunstbegriff durch Partizipation erweitert. Im US-Pavillon ehrt Kustodin Nancy Spector den Frühverstorbenen mit mehreren Take-away-Stapeln seiner beliebten Postermotive, mit einem Bonbon-Teppich, von dem genascht werden darf, und Text-Arbeiten, die an Amerikas Tote erinnern (Gal. Andrea Rosen).

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