60 Jahre Kunsthandel
Sammellust und neuer Wohlstand

Der freie Kapitalverkehr bringt den deutschen Kunstmarkt der Nachkriegsära auf Erfolgskurs. München ist die Kunsthandelsstadt, in der sich neben Neugründungen wie der Galerie des Franz-Marc-Spezialisten Otto Stangl (1947) alte Strukturen noch am stärksten erhalten konnten.

BERLIN. Am Anfang war das Ende. Der Zusammenbruch des Dritten Reichs, das mit „arisiertem“ Kunsthandel, geraubtem Kunstgut und einer von Kriegsgewinnlern beherrschten Schattenwirtschaft den deutschen Kunstmarkt isoliert und deformiert hatte, war noch kein echter Neubeginn. Das Geld war wertlos, die Bildungselite weitgehend ausgelöscht, an den Aufbau von Sammlungen nicht zu denken. Erst mit der Währungsreform und kontinuierlich anschwellendem Wirtschaftswunder regte sich neue Kauflust.

Wiedergutmachung für die seit 1937 verfemten Expressionisten setzte Hauptakzente, und der Bildungsbürger neuen Schlages inhalierte auch die Ecole de Paris, Picasso und das deutsche Informel – jene Kunst, die dann 1955 auf der ersten Kasseler documenta ihren offiziellen Ritterschlag empfing. Schon 1946 hatte Roman Norbert Ketterer das Stuttgarter Kunstkabinett gegründet, das seine ersten Auktionen in einem Geschäft für Dekorationsstoffe abhalten musste. Ähnlich bescheiden liefen die ersten Nachkriegsversteigerungen des Kölner Kunsthauses Lempertz in einem Notquartier auf der Schildergasse ab.

Im Rheinland konstituierte sich ein starker Galeriemarkt, der zunächst vorwiegend der alten Kunst und der klassischen Moderne verbunden war und durch Leitfiguren wie Änne Abels, Theo Hill und Ferdinand Moeller geprägt wurde. Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zählte zu Moellers wichtigsten Kunden. Auch in Düsseldorf regte sich neues Kunstmarktleben. Anreger waren alteingesessene Galerien wie Paffrath und Alex Vömel, nicht weniger aber die 1950/51 aus Sachsen in die Kasernenstraße gezogenen Kunsthäuser C.G. Boerner und Wilhelm Großhennig, der mit ihrem breiten Programm klassischer Moderne bald zu einem Hauptlieferanten deutscher Museen wurden.

München ist die Kunsthandelsstadt, in der sich neben Neugründungen wie der Galerie des Franz-Marc-Spezialisten Otto Stangl (1947) alte Strukturen noch am stärksten erhalten konnten. Hier setzte Günther Franke sein auch in den braunen Jahren konsequent durchgehaltenes Engagement für Max Beckmann, Nolde, Heckel und Nay fort. Aber gleichzeitig irritierte es nur wenige, dass auf der 1956 aus der Taufe gehobenen Deutschen Kunst- und Antiquitätenmesse München Hitlers und Görings Hoflieferantin Maria Dietrich mit ihrer Galerie Almas zu den Ausstellern mit prominentem Standplatz gehörten – neben dem Messegründer Konrad Bernheimer, der sein Kunstpalais nach der „Reichskristallnacht“ 1938 nicht mehr betreten durfte und 1948 aus dem Exil zurückkehrte.

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