65. Geburtstag
Im Alter wird selbst Iggy Pop zahm

Einst stand er für Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Inzwischen lässt es Punkrocker Iggy Pop ruhiger angehen. Wenn es allerdings um Pop-Schnulzen geht, teilt der „Pate“ des Punk immer noch gerne aus. Heute wird er 65.
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New YorkMit sehnigem, vernarbtem Oberkörper und langen strähnigen Haare tanzt der „Godfather of Punk“ seit Jahrzehnten wie ein Derwisch über die Bühnen dieser Welt. Reich ist er damit nie geworden, aber er hat seine destruktivsten Jahre überlebt - und ist immer noch dabei. Heute findet „The Ig“, dass er bessere Texte schreibt als zu Zeiten seines Erfolgshits „Lust for Life“. An diesem Samstag feiert er seinen 65. Geburtstag.

„Heute sehen meine Extreme ungefähr so aus: viel Sport, keine Drogen, viel Sex, viel Leben, keine Toleranz für Dummheit“, sagte er in einem Interview mit dem „Stern“ (2009). Toleranz fehlt ihm auch für schlechte Musik - dazu gehören seiner Meinung nach Pop-Schnulzen, die er auf den Tod nicht ausstehen kann. Vor diesem habe er keine Angst - er freue sich geradezu auf die Stille: „Wäre es nicht wundervoll, wenn man nie wieder Songs von Elton John hören müsste? Im Leben schafft man das nicht, weil ständig irgendein Radio seine Songs plärrt“, sagte er in einem Interview mit der „Welt“ (2009).

Iggy Pop, der seinen Spitznamen von seiner Highschool-Band The Iguanas (Die Leguane) hat, war schon Punk, als es Punk noch gar nicht gab. Ende der 60er waren Woodstock und die Flower-Power-Bewegung angesagt. Statt Liebe, Frieden und Gemeinsamkeit besangen er und seine Band The Stooges 1969 Langeweile und Frustration seiner Generation: „Last year I was twenty-one/didn't have a lot of fun/now I'm gonna be twenty-two/another year with nothing to do“ (etwa: Letztes Jahr war ich 21 und hatte keinen Spaß, jetzt bin ich 22 und habe wieder ein Jahr lang nichts zu tun).

Bei seinen Bühnenshows demonstrierte er, dass ihn nur Schmerzen aus der Langeweile befreien konnten: Er robbte nackt durch Glassplitter, schmierte sich mit Erdnussbutter voll, goss heißes Wasser über seine Hose und taumelte blutend von der Bühne, während sich die gelegentlich in Naziuniformen gekleideten Musiker zum Rückkopplungsgeheul an die Verstärker lehnten.

So viel inszenierten Selbsthass hält auf Dauer keiner durch, und so war Iggy Pop zweimal schon fast von der Bildfläche verschwunden. 1971, als sich die Band trotz exzellenter Alben („The Stooges“, „Fun House“, „Raw Power“) auflöste und Iggy Pop sich zum Rasenmähen nach Florida zurückzog. Nach einem missglückten Comeback der Stooges im Jahr darauf landete er dann für längere Zeit in einer psychiatrischen Klinik zum Drogenentzug.

Beide Male war es sein bester Freund David Bowie, der ihn wieder auf die Bühne schob. Gemeinsam produzierten sie mehrere Alben: „The Idiot“ (1977) mit dem gemeinsam geschriebenen, späteren Bowie-Hit „China Girl“, „Lust For Life“ (1977) mit dem Disco-Dauerbrenner „The Passenger“ und die Live-LP „TV Eye“ (1978). Den ganz großen Erfolg landete Iggy 1987 mit der Cover-Version von „Real Wild Child“. Es war seine erste Top-Ten-Platzierung.

Seit 2003 spielt er wieder regelmäßig mit den beiden Musikern der Stooges, dem Brüderpaar Scott und Ron Asheton. Es ist eine Art Hass-Liebe, die sie noch aus der Schulzeit verbindet. „Das sind die einzigen Kerle, die ich durch und durch kenne. Das bedeutet nicht: Oh, ich mag sie so sehr“, erklärte Iggy in einem Interview der „New York Times“. Nach über drei Jahrzehnten erschien wieder ein gemeinsames Album: „The Weirdness“ (2007). Seitdem werden die Fans bei den Konzerten jünger - denn Iggy ist immer noch ein Erlebnis. In Deutschland soll er im Juli beim Berliner Greenville Music Festival auftreten.

Wenn er nicht gerade tourt, wohnt Iggy einem kleinen Dorf in der Sumpflandschaft von Florida, wo er regelmäßig schwimmt, ein paar gepflegte Gläser Bordeaux trinkt - und seinem Spitznamen immer ähnlicher wird. Er verwandle sich langsam, aber sicher in ein Reptil, sagte er vor ein paar Jahren. „Florida ist ein guter Ort für eine alte Echse wie mich.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • sorry, von 1999

  • PS: Werter Autor, ich glaube, Sie haben vergessen, zu erwähnen, daß der "Iguan" (woher Sie das 'Ig' haben wissen nur Sie selbst und die dubiose Quelle) vor allem den Sprung ins Publikum,, das "stagediving" in einer Live-TV-Show zum ersten Mal zelebrierte - der Sender war so schockiert, daß er erst mal in die Werbepause ging.

    Zahm? Er macht sich halt bloß nicht mehr zum "Idiot"en und hat endlich - wie Bowie - "Fun, oh Fun, oh Fuuuuntime!"

    Es sei ihm von ganzem Herzen gegönnt!

  • Happy birthday, lieber Iguan, happy birthday to you!

    Danke, danke, danke - du hast mein Leben bereichert, nicht nur mit "Raw Power", deinen 70er Kollaborationen mit David Bowie (Lust For Life, Idiot, New Values und Soldier), deiner wunderbaren Zusammenarbeit mit James Williamson (Kill City) - vor allem, verdammte Hacke, du bist in Ehren gealtert und hast mir am Ende noch "Avenue B" mit Medeski, Martin & Wood mein Motto für den Rest meiner Tage geliefert:

    "It is the winter of my 50th year when it hit me: I was really alone and there wasn't a hell of a lot of time left.

    Every touch and laugh, that i can get, became more important. Strangely, I became more bookish and my home & my study meant more to me as i considered the circumstances of my death.

    I wanted to find a balance between joy & dignity on my way out. But above all i didn't want to take NO MORE SHIT!

    Not from ANYBODY!"

    (lyrics from "no sx#t", avenue B 1988)

    So und jetzt drehe ich "I'm A Conservative" auf!

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