Abstimmung nach dem Prinzip „für Nachbarn und Freunde“
Eurovision Song Contest fest in Händen Osteuropas

Schon wieder haben sich beim Eurovision Song Contest die osteuropäischen Staaten gegenseitig gewählt. Die westeuropäischen Länder landen chancenlos auf den hinteren Plätzen. Das Phänomen ist schon seit Jahren bekannt, doch geändert hat sich nichts. Bis jetzt.
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HB BELGRAD. Der in seinem Heimatland überaus erfolgreiche Popstar Dima Bilan gewann am Samstagabend mit dem auf Englisch gesungenen Lied „Believe“ mit einem Vorsprung von 42 Punkten den größten Musikwettbewerb der Welt. Damit geht der Preis erstmals nach Russland. Mit der R’n’B-Ballade „Believe“ gelangte der 26-jährige Dima Bilan beim Televotum mit 272 Punkten an die Spitze. Zweiter wurde die Ukraine mit Ani Lorak und „Shady Lady“ mit 230 Punkten. Sie überholte am Ende noch Griechenland mit Kalomira und ihrem Popsong „Secret Combination“ der 218 Punkte erreichte.

Dagegen kam Deutschland mit den No Angels trotz einer guten Performance zusammen mit Polen und Großbritannien bei nur je 14 Punkten auf den Schlussplatz. Nur aus Bulgarien erhielten sie die Höchstzahl an zwölf Punkten, was der aus diesem Land stammenden No-Angels-Sängerin Lucy zugeschrieben wird. Aus der Schweiz kamen zwei weitere Punkte dazu.

No Angels enttäuscht, aber gelassen

Die vier Sängerinnen Deutschlands bislang erfolgreichster Casting-Girlsband reagierten enttäuscht, aber gelassen auf die schlechte Platzierung. Die nach einer Virus-Erkrankung rechtzeitig zum Finale wieder genesene Jessica zeigte sich zwar „etwas geschockt“. Sandy betonte aber, mit ihrer „geilen Performance“ seien die vier Mädchen „mehr als zufrieden“ gewesen.

Osteuropa dominiert Eurovision Song Contest

Nach 14 Jahren Grand-Prix-Teilnahme war es das erste Mal, dass Russland gewonnen hat. Dima Bilan war bereits 2006 Zweiter hinter Griechenland geworden. Der russische Präsident Dmitri Medwedew und Regierungschef Wladimir Putin gratulierten Dima Bilan. Putin sprach von einem „weiteren wichtigen Triumph für Russland“. Der Moskauer Musikkritiker Artemi Troizki hingegen warnte vor einer „Übermacht“ Russlands beim Eurovision Song Contest.

Die Abstimmung folge nur dem Prinzip „für Nachbarn und Freunde“ und habe nichts mit der Qualität der Beiträge zu tun, sagte der Experte in einem Interview, der staatlichen Agentur RIA Nowosti. Im Grunde habe Russland ein „Sperrpaket“ und sei wegen seiner Lage im Vergleich zu anderen Ländern privilegiert. „Alle wissen gut, dass die Abstimmung mit dem Niveau des Musikstoffs nichts zu tun hat. Höchstens spielt der visuelle Aspekt eine Rolle. Dies ist eher ein geopolitischer Sportwettbewerb mit einem musikalischen Touch“.

Es gebe inzwischen etwa zehn Länder von denen Russland eine Top-Drei-Wertung erwarten kann. Auch aus Israel, wo viele russischstämmige Juden leben, kämen traditionell hohe Bewertungen. Bilans Song „Believe“ erhielt am Samstag in Belgrad ungeachtet der politischen Verstimmungen unter einigen der früheren Sowjetrepubliken sogar aus Estland, der Ukraine und Georgien hohe Punktzahlen, weil dort viele Russen leben oder die nachbarschaftlichen Verbindungen eng sind. Die Tatsache, dass Vertreter der slawischen Länder bei Europas größtem Musikwettbewerb in den vergangenen Jahren Top-Plätze erreichten, werde langsam zu einem großen Problem für die Veranstalter, sagte Troizki.

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