Ältere Klientel wird bevorzugt
Jeder sein Bohlen

Unsterblich ist, wem ein Buch gewidmet wird. Für einen Berliner Verlag schreiben jetzt Profis Autobiografien – auf Bestellung.

In den Händen hält Helga Pittelkau ihr Leben. In weinrotes Leinen gebunden. Das Buch heißt „Im Spiegel meines Lebens“. Darin ist ihre Autobiografie aufgeschrieben. Einen kleinen Auszug wird sie gleich vorlesen, vor rund dreißig Zuhörern. Sonst wird kaum jemand ihre Geschichte kennen lernen, denn das Buch ist nur in einer Auflage von 15 Exemplaren gedruckt. Der 76 Jahre alten Dame reicht das: „Das ist für die Familie, wenn wir nicht mehr erzählen können.“

Wenn keiner zuhört, werden sie vergessen. Das hat sich Katrin Rohnstock gedacht. 1998 spezialisierte sie sich darauf, Lebensgeschichten unbekannter Zeitgenossen zu schreiben. Das Konzept sprach sich schnell herum. Mittlerweile sind 80 Autobiografien entstanden: Sie heißen „Masseltow – Ich hab’ auch Glück gehabt“ und erzählen die Geschichte einer unkonventionellen Frau, die während des Dritten Reichs wegen ihrer jüdischen Herkunft den Traum vom Showstar-Ruhm begrub. Oder „Rambling – destination unknown“, in der ein Heimatloser sein unstetes Leben protokolliert: von Berlin über Panama und Tennessee zurück nach Deutschland.

Die erste Autobiografie des Medienbüros Rohnstock trug ihre Entstehungsgeschichte im Titel: „Mein Leben erzählt auf Wunsch meiner Enkelin“. Häufig würden die Nachkommen ihre Eltern und Großeltern darum bitten, ihre Lebenserinnerungen festzuhalten, sagt Rohnstock.

Die mütterlich wirkende Frau mit der angenehm reibeisenartigen Stimme beschäftigt heute ein Team von 15 freien Biografen, hinzu kommen noch Autoren auf Lizenzbasis - in Hessen, Schwaben und Sachsen, in der Schweiz, in Österreich. Sie besuchen die Kunden, hören ihnen zu, nehmen die Gespräche auf Tonband auf. Ein, zwei, drei Tage lang, bis zu acht Stunden. „Manchmal braucht es allein für die Kindheit schon drei Tage“, sagt Rohnstock.

Und: „Es kommt vor, dass jemand sagt: Das ist jetzt 60 Jahre her, und ich habe es noch nie jemandem erzählt!“ Erzählen wollen die Kunden, sonst hätten sie den Memoirenschreiber nicht gebucht. Der hört zu, relativiert nicht, bremst nicht aus, fragt nur nach, wenn er etwas nicht versteht. Aus dem Erzählstrom ein „Buch des Lebens“ zu filtern kann Schwerstarbeit sein. Dabei sind die Biografen nicht nur Chronisten und Schönschreiber. Sie überprüfen Daten, Ortsnamen, politische Zusammenhänge.



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