Agnes Martin
„Die Linien tanzen und vibrieren“

Zeit für Entdeckungen: Die Kunstsammlung NRW präsentiert als einzige Station auf dem europäischen Festland die kühnen Streifenbilder der amerikanische Malerin Agnes Martin (1912-2004). Beeindruckende Konzeptkunst mit Herz. Susanne Schreiber spricht mit Marion Ackermann über die Ausstellung.

DüsseldorfHandelsblatt: Die amerikanische Malerin Agnes Martin ist unter Insidern berühmt für ihre konzeptuellen Raster- und Streifenbildern. Warum sind die alles andere als langweilig?

Marion Ackermann: Jedes Bild ist verschieden. Die Linien spiegeln die Hand der Künstlerin, sie tanzen und vibrieren. Sie sind unregelmäßig und bei ausgespartem Rand scheinen sie zu schweben. Dadurch entfaltet sich eine innerbildliche Dynamik.


Amerikanische Kunst jenseits der Pop Art findet sich eher selten in deutschen Museen. Wie kommt es, dass die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ein repräsentatives Gemälde von Agnes Martin besitzt?
Bei meinem Start habe ich die Lücke bemerkt. Wir haben u.a. Mark Rothko, Jackson Pollock und  Ad Reinhardt, aber keine Agnes Martin. Sie war mit letzteren aufs Engste befreundet. Um das Werk dieser Künstlerin ankaufen zu können, haben wir ein Fundraisingdinner veranstaltet. Mit vielfältiger Unterstützung ist es uns dann gelungen, das erste Werk von Agnes Martin für die Kunstsammlung zu erwerben.


Warum wurden Frauen bislang übersehen?

Das hat mit einer Tradition der Kunstgeschichte nach 1945 zu tun. Künstlerinnen wurden aus dem Kanon der Kunstgeschichte eliminiert und in der breiteren Bevölkerung vergessen.  Durch die Forschung, nicht zuletzt durch den Kunstmarkt und beider Suche nach neuen Trouvaillen wird Agnes Martin seit einigen Jahren wiederentdeckt.


Der Ankauf  von Martin „Untitled # 5“ ist 2011 von vielen Kunstfreunden gefördert worden. Wer hat Werke gestiftet für die Versteigerung?

U.a. haben Rosemarie Trockel, Wolfgang Tillmans, Karin Sander, Georg Baselitz, Andreas Gursky und Gerhard Richter Werke gestiftet für die Versteigerung. Der Freundeskreis unter dem Vorsitz von Robert Rademacher hat sich ganz stark engagiert. Privatpersonen haben viel Geld ausgegeben, um bei der Auktion einen Sitzplatz zu haben, um dann mit zu steigern.  So kamen 500.000 Euro zusammen. Das war der Start für den Ankauf. Das Land hat dann einen großen Teil dazugegeben, um die private Initiative zu würdigen.


Was sollte der Besucher tun, um die Besonderheit dieses Werkes in der Ausstellung zu erfassen?

In unserer Zeit spricht man viel vom Bedürfnis nach Entschleunigung. Der Besucher muss nur loslassen und sein anderes inneres Tempo finden. Dann kann er sich tief in das Werk einlassen. Dafür  haben wir zusätzliche Hocker aufgestellt. Ferner bieten wir ein neues Führungsformat an: ein Werk – eine Stunde immer freitags. Wer subtiles Sehen zulässt, erfährt etwas von der heiteren Wirkung auf das Bewusstsein. Agnes Martin zieht selbst Vergleiche mit der Natur. Wer nicht so erfahren ist, im Umgang mit Kunst, hat aber doch  Sonnenuntergänge am Meer erlebt und gespürt, wie stark sie beruhigen. Auf eine ähnliche Weise sollte man sich dem Werk von Agnes Martin nähern. Man muss kein Vorwissen mitbringen. Man spürt das Licht und die Heiterkeit.


Martins Palette ist eigenwillig und zart. Woher rührt das?

Martins Maltechnik ist noch nicht bis ins Letzte aufgeschlüsselt. Aber sie hat einen speziellen Gipsgrund aufgetragen, die Acrylfarbe extrem stark verdünnt. So ließ sich die Farbe fein lasierend auftragen. Die Wirkung ist, dass das Licht von hinten durch das Bild zu treten scheint und einen von vorne erfasst. Man hat außerdem das Gefühl, dass sich die Farben auch an den Wänden nach allen Seiten verbreiten.


Zum Beispiel?
Das Werk, das wir erworben haben, „Untitled # 5“, ist ein Alterswerk. Martin hat ein zartes Blau, ein zartes Orange und ein zartes Rosa verwendet. Eigentlich lassen sich die Farben gar nicht beschreiben, Worte sind hier nur Krücken. Die drei Farben erschaffene einen bestimmen Rhythmus. Man denkt an einen Horizont, an Meer, Ufer, Himmel. Diese Analogien zur Natur hat sie einerseits befördert, andererseits zurückgenommen. Ihre Titel wie „Joy“ verweisen Zustände des Bewusstseins. Aber sie hat auch gesagt: „Wenn man ein Bild von mir betrachtet, soll es so sein, als wenn man in eine große Woge des Meeres hineintritt“. Sie hat häufig auch von der Entgrenzung gesprochen. Eine Erfahrung, die jeder kennt, der am Meer steht.

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