Ai Weiwei
Konfuzius in Plastikschlappen

Bewahren, was vom Vergessen bedroht ist und der Versuch, die durch Verluste geschlagenen Wunden zu heilen – das ist der starke, schlichte Kern der Kunst Ai Weiweis. Zu besichtigen in seiner Retrospektive in der Royal Academy von London.

LondonZufall oder nicht, Ai Weiweis Superausstellung in der Royal Academy kommt zur rechten Zeit. Gerade jetzt, wo seine Reputation als unser chinesischer Lieblingsdissident einen Knick bekommt, können wir – und er – diese Retrospektive gut gebrauchen.

Viele glauben ja, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn Ai Weiwei im Juni in Beijing plötzlich drei Ausstellungen hatte und dann noch den Pass zurückbekam. Wir sind empört über beschwichtigende Äußerungen, die schlecht zu dem Bild des übermenschlich heldenhaften Widerstandskämpfers passen, das wir uns von diesem Konfuzius in Plastikschlappen machen.

Städtebauer und Olympia-Architekt

Nun zeigt die Royal Academy im grandiosen Maßstab dieser Ausstellung, dass Ai Weiweis Kunst nicht romantisch isolierte Widerstandsakte eines privaten „Apartmentkünstlers“ sind. Hier wird ein Großkünstler gezeigt, der monumental, megalomanisch in den Dimensionen der chinesischen Industrie arbeitet. Andy Warhols „Fabrik“ war im Vergleich eine Handwerker Werkstatt.

Alles bei Ai Weiwei ist in der persönlichen Vita verwurzelt. Die sechs Guckkästen, in denen seine 81-tägige, entwürdigende Haft in Dauerbegleitung zweier Polizisten darstellt wird, sind so gesehen der Anker der Ausstellung. Aber der Mann plante chinesische Städte, er hat das Künstlerviertel Caochangdi gebaut und als Olympiaarchitekt sowie Internetstar gewirkt. Außerdem drehte er Popfilme, betrieb noch in Zeiten schlimmster Verfolgung Fabrikstudios in mehreren Ländern und versorgte den internationalen Galeriemarkt mit Kunstware. Einer der bewegendsten Momente seines Lebens sei gewesen, als er aus der Haft zermürbt nach Hause entlassen wurde und schon von Ferne das Hämmern der Arbeiter in seinem Studio hörte, berichtet er.

Bußakt für die toten Kinder

Gehämmert wurde damals an dem Werk, das nun am nächsten an Ai Weiwei heranführt: „Straight“, ein Feld von Armierungs-Stahlstäben, die Ai Weiwei und seine Arbeiter 2008 aus Erdbebentrümmern in der südwestchinesischen Provinz Sezuan (Sichuan) zogen. Was auf den ersten Blick aus dem Lehrbuch der Westkunst zu kommen scheint und an Duchamp, den klassischen Minimalismus oder die Arte Povera erinnert, ist in Wirklichkeit ein Denkmal für über 5.000 Schulkinder, die damals in schlampig gebauten Schulen ums Leben kamen. Ihre Namen, von Ai Weiwei in einer „Bürgerermittlung“ hinter dem Rücken der Behörden gesammelt, hängen als Gedenktafel an der Wand.

Ein Film beschreibt, wie die Armierungseisen geborgen, nach Beijing gebracht und in einem künstlerischen Bußakt für die toten Kinder zurechtgebogen und -geklopft wurden. Wer will, kann in der Anordnung der Eisenstäbe eine seismografische Kurve erkennen. Viele von Ai Weiweis Werken sind so: Westlich im Vokabular, chinesisch in der eindeutigen Emotionalität. Kuratoren-Kauderwelch ist nicht nötig, um diese Kunst zu verstehen.

Konstrukte aus Tempelholz

Man denkt bei diesem Don Quichotte’schen Zurechtbiegen des Trümmerstahls an den Kinderreim von Humpty Dumpty, der von der Mauer fällt, aber von den Mannen des Königs nicht wieder zusammengeflickt werden kann: Das Bergen und Zusammenfügen, das Erinnern, das Bewahren der Vergangenheit und ihrer Formen, Materialien und handwerklichen Fertigkeiten treibt Ai Weiweis Werk. Überall wurde hämmert und gedübelt, um Zerstörtes zusammenzufügen, damit China wieder heile wird.

Trümmer seines von den Behörden zerstörten Studiokomplexes in Schanghai werden nun harmonisch von einem überdekorierten Himmelbett aus Zitanholz zusammengehalten. Alte Möbel werden zu „unnützen Kunstobjekten“ umgebaut, Schatztruhen verlorener Hölzer und Holzverbindungstechniken. „Fragment“, ein bizarres Holzkonstrukt aus altem Tempelholz soll die Umrisslandkarte Chinas und ein Symbol für Chinas fragil zusammengezwungenen Vielvölkerstaat darstellen, so wird versichert.

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Konfuzius in Plastikschlappen

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Das Tote wieder lebendig machen

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