„Aktenzeichen XY... ungelöst“
XY... „Sachdienliche Hinweise“

Die Großmuter alles Reality Shows feiert Jubiläum. 40 Jahre ist es her, dass Eduard Zimmermann in „Aktenzeichen XY... ungelöst“ mit dem Satz „Sachdienliche Hinweise nimmt die Kripo in München oder jede Polizeidienststelle entgegen“ zum ersten Mal wohlige Gruselschauer über den Rücken jagte.

HB KÖLN. Nachfolgende Generationen werden kaum glauben können, dass es im deutschen Fernsehen einst einen sehr korrekten Herrn gab, der nur „Guten Abend, verehrte Zuschauer“ sagen musste, und schon liefen dem Publikum wohlige Schauer über den Rücken. Dieser Mann hieß Eduard Zimmermann. In diesem Jahr wird seine ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“, die Großmutter aller Reality-Shows, 40 Jahre alt.

„Sachdienliche Hinweise nimmt die Kripo in München oder jede Polizeidienststelle entgegen“ - dieser Satz war in den 70er Jahren so allgemein bekannt wie Robert Lembkes „Welches Schweinderl hätten's denn gern?“ oder „Stichtag für den Großen Preis: Samstag in acht Tagen“.

Zimmermanns Ganovenjagd am Freitagabend war ein Ritual: Die scheppernde Eingangsmusik, die eichenfurnierte Kulisse, die laienhaften Schauspieler, der Wisch-Effekt - Fachbegriff: „Riffelglasblende“ - zur Andeutung eines Zeitsprungs zwischen zwei Szenen, die Stimme im Off mit Sätzen wie: „Die junge Frau ahnt noch nicht, dass sie das elterliche Haus nie erreichen wird“. Dann das Einblenden von Beweismaterial wie Schlüsselanhängern oder Kleidungsstücken des Opfers, stets so unauffällig und gewöhnlich, dass man sich in beklemmender Weise an die eigene Garderobe erinnert fühlte.

Der Ruf „Hallo Wien“ war das Stichwort für Peter Nidetzky, gefolgt von Konrad Toenz in der Schweiz. Entschiedene Krawattenträger wie Zimmermann und in ihren Formulierungen womöglich noch zurückgenommener, erreichten diese beiden Alpen-Ableger einen derartigen Kultstatus, dass nach Toenz sogar eine Berliner Retro-Bar benannt wurde.

Den Höhepunkt einer jeden Sendung bildete dann das geschäftige Telefonieren am Schluss: Frauen und Männer, von denen man nie erfuhr, ob es Polizisten, Journalisten, Telefonisten oder einfach nur Statisten waren, nahmen im Hintergrund Anrufe der Zuschauer entgegen. Denn sie waren es ja, die die Kapitalverbrechen aufklären sollten. Ihr Gedächtnis wurde dabei mitunter hart auf die Probe gestellt: „Wer hat am 26. Februar vergangenen Jahres auf der Autobahnraststätte Hünxe einen Mann in einer hellbraunen Lederjacke beobachtet?“

Zeitweise hatte Zimmermann Polizeischutz, weil er auf der Todesliste der Rote Armee Fraktion stand. Ulrike Meinhof hatte noch vor ihrem Abtauchen in die Terrorszene die Meinung vertreten, dass der „Fernseh-Sheriff“ an das Denunziantentum der Nazizeit anknüpfe. Heinrich Böll bezeichnete „Aktenzeichen XY“ als ein „muffiges Grusical für Spießer“. Es ist nicht ohne Ironie, dass 2002 ein ehemaliger RAF-Strafverteidiger der erste Schirmherr des „XY-Preises“ wurde: der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD).

Zimmermann verließ die Sendung vor zehn Jahren. Heute wird sie von dem ehemaligen Eiskunstläufer Rudi Cerne moderiert. Die Aufklärungsquote liegt weiterhin bei gut 40 Prozent, der handgeschnitzte Stil dagegen hat sich verloren. Das muss wohl so sein, doch wie man in Internetforen nachlesen kann, trauern noch immer zahllose Fans der Zeit hinterher, als Eduard Zimmermann seine Berichte über Tramper-Tode und Bratpfannen-Mörder mit den Worten einleitete: „Traurig, aber wahr."

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