Alexander Steinbeis Elite-BWLer mit Harmoniebedürfnis

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Boston wird nach Frankreich seine zweite Offenbarung, am liebsten würde er dableiben. Doch noch ist er in Europa nicht fertig, noch muss er für ein weiteres Jahr zurück in die alte Welt. Das folgende Studiensemester in Deutschland verbringt er in der Hauptstadt, rundet es dort mit einem Praktikum an der Staatsoper Berlin ab – und setzt mit seiner Abschlussarbeit einen letzten Akzent: Die Arbeit mit dem Titel „Vergleich der Finanzierbarkeit von klassischen Orchestern in England und den USA“ gibt eine klare Richtung vor: die Verbindung von Kunst und Kommerz.

Mit seinen hochkarätigen Abschlüssen in der Tasche startet Steinbeis erneut über den Atlantik und steigt beim Boston Symphony Orchestra ein. Mit zwei Kollegen organisiert er in den darauf folgenden Jahren die Planung des künstlerischen Betriebs, erledigt mit Bravour einen Knochenjob, wo ihm, wie er anmerkt, nur zwei Wochen Urlaub im Jahr zustanden. Das staatlich nur schwach subventionierte Spitzenorchester muss auch im Sommer Geld verdienen, unter anderem richtet es das berühmte Tanglewood Festival aus. Doch Steinbeis hält das einige Jahre gut aus, er hat große Lust zu arbeiten, sich mit vollem Einsatz der klassischen Musik zu widmen. Und er knüpft weiter fleißig Kontakte, unter anderem zu Ingo Metzmacher, der zu jener Zeit künstlerischer Leiter des Amsterdamer Opernhauses ist und sich regelmäßig als Gastdirigent in Boston blicken lässt.

Als fast sieben Jahre voll sind, merkt der Deutsche wie weit er sich von seiner eigenen Kultur entfernt hat. Englisch ist seine zweite Muttersprache geworden, so sehr, dass er irgendwann feststellen muss, dass er Briefe besser auf Englisch formulieren kann als auf Deutsch. „Als ich das gemerkt habe, war mir klar: Ich muss wieder zurück nach Deutschland“, erinnert er sich an die Situation, in der er sich aus dem Betriebsbüro des Boston Symphony Orchestra verabschiedete.

Eine aufregende Zeit sei das gewesen, mit viel Arbeit und wenig Freizeit, dafür aber voller Erfahrungen, die er sein Berufsleben lang nicht vergessen werde, erzählt er. Schließlich konnte er hier an der Ostküste der USA zum ersten Mal in einer Führungsposition unter Beweis stellen, dass er im Kulturbetrieb genau an der richtigen Stelle ist. „Vor Boston war ich der BWL-Absolvent und stand am Anfang meiner Karriere. Danach hatte ich einen reichen Schatz an Erfahrungen.“

Eine Auszeit will er sich nehmen, durchatmen und dann schauen, was er als Nächstes anfängt. Im thailändischen Dschungel spaziert er durch das verschlingende Grün – und ahnt noch nicht, dass seine Auszeit schon bald enden wird. Als er das nächste Mal seine E-Mails abruft, ist auch eine Nachricht von Ingo Metzmacher dabei, der ihn dringend um einen Rückruf bittet. Steinbeis erfährt, dass Metzmacher den Chefposten beim Deutschen Symphonie-Orchester übernehmen wird und einen Konzertdramaturgen sucht. Steinbeis zögert mit der Zusage, erklärt sich aber einverstanden, zu einem Brainstorming-Wochenende nach Amsterdam zu fliegen. Dort wird die Sache besiegelt: Steinbeis wird zusammen mit dem neuen Chefdirigenten nach Berlin gehen.

Kaum ist er dort als Konzertdramaturg eingearbeitet, kündigen sich bereits neue Veränderungen an. Die Chemie zwischen Chefdirigent und Orchesterdirektor stimmt nicht, nach Reibereien räumt der Orchesterdirektor seinen Posten, Steinbeis springt kommissarisch ein. „Im Orchestervorstand waren wir uns aber schnell sicher, dass Alexander Steinbeis als neuer Direktor bestens geeignet wäre“, verrät Michael Mücke.

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