Alfred Flechtheim: Ein Kunstbesessener am Rande des Ruins

Alfred Flechtheim
Ein Kunstbesessener am Rande des Ruins

Der begnadete Kunsthändler, Sammler und Verleger Alfred Flechtheim polarisierte Händler und Sammler. Eine spannende Biografie erzählt von seinem unermüdlichen Einsatz für van Gogh, Matisse und Picasso.
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BerlinDer Schritt vom Getreidehändler zum Kunsthändler lässt sich nur nachvollziehen, wenn der Getreidehändler bereits Kunstsammler ist. Und das war Alfred Flechtheim schon acht Jahre, als er im Dezember 1913 in der Düsseldorfer Alleestraße seine erste Galerie eröffnete.

Flechtheim gilt als einer der bedeutendsten Kunsthändler der Moderne neben Amboise Vollard und Daniel-Henry Kahnweiler in Frankreich, Paul Cassirer und Herwarth Walden in Deutschland. Als Organisator der geschmacksprägenden Kölner „Sonderbund“-Ausstellung 1912 hatte er sein museales Gesellenstück geliefert. In die Annalen der Kunstgeschichte ist er als enthusiastischer Förderer des Kubismus eingegangen.

Gleichzeitig aber stützte er sein Engagement für die französische und deutsche Avantgarde jahrelang mit dem Verkauf von Werken der Düsseldorfer Malerschule und anderer Meister des 19. Jahrhunderts ab.

Schon in seiner Eröffnungsausstellung figurierten Werke, die wir heute zu den Meisterwerken der Moderne zählen: „La Danse au Capucines“ von Henri Matisse, ein 1906 datiertes Selbstbildnis von Edvard Munch, Picassos Harlekin im „Lapin Agile“ und sein kubistischer „Mandolinenspieler“, Georg Minnes „Kniender Jüngling“. Programmatisch war das Bekenntnis zur Qualität, das im Vorwort zum ersten 160-seitigen Ausstellungskatalog zu finden ist: „Die Liebe zur Kunst hat mich gelehrt, jedes Kunstwerk nur auf seine Qualität hin, nicht unter ,kunstpolitischen' Gesichtspunkten anzusehen.“

Doch in der ersten Galerieschau hingen neben Menzel, Gauguin, van Gogh, Hodler auch die schwülstigen Allegorien des "Sonderbund"- Künstlers Ernst te Peerdt, religiöse Motive der rheinischen Maler Walter Heimig und Werner Heuser, akademische Plastiken von Hugo Lederer und Ernst Wenck - Künstler, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Hier zeigt sich, dass der Qualitätsbegriff auch großer Geschmackspioniere nicht frei von Zeitgeist ist. Ottfried Daschers im Nimbus Verlag erschienene Flechtheim-Biografie mit dem von dem Galeristen entlehnten Titel „Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“ geht nicht auf solche Phänomene ein. Sie zeichnet den Händler, Sammler und Verleger als den großen Egozentriker, der er in den Augen seiner Freunde war, und als den unermüdlichen Mittler zwischen deutscher und französischer Kunst.

Kommentare zu " Alfred Flechtheim: Ein Kunstbesessener am Rande des Ruins"

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  • Sehr geehrte Damen und Herren,
    das Zitat: "Nachlass in alle Winde zerstreut" gibt einen wunderbaren Ansatzpunkt, bisher unbekannte Werke berühmter Meister unter dem Siegel eines ehemaligen Galeristen zu verstecken. Dies ist so ja auch geschehen und gibt sogar den Stoff für Romane.
    Hochachtungsvoll Ihr
    Ole R. Börgdahl

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