Alles sehr nahe an der Wirklichkeit
Wieviel Kanzleramt steckt im „Kanzleramt“?

Die ZDF-Serie „Kanzleramt“ zeigt, schwerer als das Regieren ist die Unterhaltung, aber die Themenmischung stimmt: Die Themenmischung stimmt. Haupt- und Staatsaktionen, Innenpolitik und Außenpolitik, eine angemessen undezente Prise Sex and Crime, die Politiker sind auch Menschen.

Tsp BERLIN. In Berlin, da gibt’s ein Kanzleramt. Und davor gab es eines in Bonn. Womit bereits entschieden ist, dass es reine Fiktion wäre, eine Fernsehserie über das Kanzleramt produzieren zu wollen, die reine Fiktion sein wollte. Sollte man es also nicht gleich besser ganz lassen? Nicht doch! Selbstverständlich ist es eine vorzügliche Idee, eine zeitgemäße obendrein, der großen Politik mit unterhaltungsdramaturgischen Mitteln beikommen zu wollen. Grundsätzlich ist nicht einzusehen, wieso ein derart spannendes Sujet nicht funktionieren soll. Mord und Totschlag, die besten Garanten für große TV-Serien, sind ja auch nicht per se unterhaltungsaffin. Und spannender, aufregender als der Alltag in einem Kriminalkommissariat ist das Leben in der Politik, im Kanzleramt fürwahr, allemal. Stoff und Raum für spannende Unterhaltung sind im Übermaß vorhanden.

Hoher Aufwand, authentische Ausstattung, externe Berater

Diese Chance zu nutzen, waren sie beim ZDF wild entschlossen. Nichts an Kosten und Mühe wurde gespart: Starbesetzung (die Tatort-Kommissare Klaus J. Behrendt und Robert Atzorn mimen den Kanzler und seinen Amtschef). Ziemlich authentische Ausstattung. Externer Sachverstand (Martin E. Süskind, Redenschreiber bei Willy Brandt, Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, stand als Co-Autor bereit). Serien- und Filmprofis als Regisseure und Produzenten. Das riecht nach Erfolg. Guter Unterhaltung.

Schließlich: Die Themenmischung stimmt. Haupt- und Staatsaktionen, Innenpolitik und Außenpolitik, eine angemessen undezente Prise Sex and Crime, die Politiker sind auch Menschen (bauen Verkehrsunfälle und haben – so der Kanzler – Nachwuchs, der nachpubertiert), mal sind sie nett und manchmal böse. Nicht zuletzt haben die politischen Ideale im tagtäglichen Kampf mit taktischen Erwägungen keinen allzu leichten Stand. Ja, das alles gibt es in der Politik, so ist die Politik.

Kaum ein Stichwort aus den jüngsten Jahren fehlt

Überhaupt ist alles im Fernseh-Kanzleramt sehr, sehr nahe an der Wirklichkeit: Tabaksteuer als Joker der Haushaltsführung. Reformpolitik als Angang für die Seele der Gutmenschen. Deutsche Touristen als Geiselopfer in der Dritten Welt. Ohrfeige zum Nachteil des Kanzlers. Vertrauensfrage als ultima ratio politischer Überlebenstechnik. Treue und Intrige. Der Kanzler als internationaler Handlungsreisender in Sachen deutscher Wirtschaft. Islamistischer Terror. Nervosität vor einem Parteitag... Kaum ein Stichwort von Belang aus den jüngsten Jahren fehlt. Diese TV-Serie ist wirklich sehr nahe dran.

Vielleicht ist sie gerade deshalb der Wirklichkeit so fern. So viel Nähe zur Realität geht zwangsläufig auf Kosten der künstlerischen Freiheit, die sich dann nur noch im Arrangieren der Themenblöcke ausprobieren kann. Wie die Protagonisten denken, wie sie fühlen, wie sie riechen, wie sie schmecken, mit einem Wort: wie diese Politiker ticken, erahnt man nicht. Sie bleiben ziemlich leblos. Zuweilen drängt sich sogar der Eindruck auf, dass diese Kanzleramts-Menschen in Wirklichkeit gar nicht miteinander sprechen, sondern eher zum Zuschauer. Ihre Sprache, der Jargon jedenfalls ist nicht echt – und nicht nur Tonfall und Tonart, die Dialoge stimmen einfach nicht.

Serie weit vom internationalen Standard entfernt

Sehr weit ist diese Produktion damit vom internationalen Standard entfernt, vom „West Wing“ über das Weiße Haus und noch weiter vom Meisterwerk dessen, was die Angelsachsen Faction nennen, der BBC-Verfilmung der Westminster-Romane von Michael Dobbs. Diese bitterböse, superspannende und alles andere als humorfreie TV-Unterhaltung ist so gut gelungen, weil sie konsequent aus der Ich-Perspektive des Fraktionschefs der Regierungspartei, der sich anschickt, Maggie Thatcher zu stürzen, erzählt. Dabei trägt die fiktive Figur alle Züge, die der Eisernen Lady nachgesagt werden.

Diese Mischung aus Verfremdung und Überzeichnung ins Unglaubliche gestattet es dem Zuschauer, der Politik ganz nah zu kommen. Das ZDF indes bestätigt eine Einsicht ihres Superstars Thomas Gottschalk. Vor zehn Tagen begrüßte der Entertainer in Hollywood Edmund Stoiber mit den Worten: „Das einzige, was in Deutschland noch schwerer als Regieren ist, ist Unterhalten.“ Ein schönes Motto für die Serie.

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