Alltag und Albtraum
Wenn der Spuk kein Ende nimmt

Seit "American Psycho" gilt Bret Easton Ellis als Schock-Autor. In seinem neuen Buch kommt der Horror auf leiseren Sohlen daher.

HB KÖLN. "Ich will, dass du dieser Katastrophe namens Bret Easton Ellis ins Gesicht siehst." Sätze wie diese lassen die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen. "Sie sind keine Kunstfigur, Mr. Ellis, hab ich Recht?" Wer weiß das schon. "Letzten Endes war alles Inszenierung." Und es bleiben Fragen: Wo hat der Wahnsinn Methode? Wann wird aus der imaginierten Paranoia bitterer Ernst?

Auf den ersten fünfzig Seiten liest sich "Lunar Park" wie eine Autobiografie. Noch als Student schreibt Bret Easton Ellis mit seinem Debüt "Unter Null" einen Bestseller. Das Buch um Heranwachsende, Sex und Drogen macht ihn in den USA reich und berühmt.

Ein paar Jahre später gelingt ihm im Alter von gerade mal 26 Jahren mit "American Psycho" international der Durchbruch. Die Story um den serienmordenden Börsenmakler Patrick Bateman polarisiert wie kaum ein Kriminalroman zuvor. Nicht nur Frauenverbände rufen zum Boykott auf. Ellis schildert Gewaltexzesse, die an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten und sehr schwer zu ertragen sind.

Dabei hält er der Gesellschaft durchaus den Spiegel vor. Denn hat nicht erst sie, auf Konsum, Labels und Oberflächlichkeit fixiert, das Monster Bateman geschaffen? Ellis muss mit Schmähungen leben und mit Drohungen. Es folgen Partys und Psychose, Drogen und Depression - wohl kaum das Leben eines glücklichen Menschen.

Auftritt Jayne Dennis: Die bekannte Schauspielerin, frei erfunden nach Bret Easton Ellis, gibt selbigem eine Chance. Mit zwei Kindern versuchen die beiden, fortan auf glückliche Familie zu machen, deren Unglück damit besiegelt ist. Bald schon spukt es in ihrem Haus, wird der Alltag zum Albtraum. Das Stofftier "Terby" beginnt, ein Eigenleben zu führen, Ellis' Computer empfängt geheimnisvolle E-Mails von der Bank, in deren Tresor er die Asche seines verstorbenen Vaters aufbewahrt. Wie von Geisterhand verschiebt sich das Mobiliar in seinem Arbeitszimmer. Als dann noch ein Mörder im "American Psycho"-Stil durch die Lande zieht und Frauenschlächter Patrick Bateman auftaucht, gerät die ohnehin fragile Welt des Bret Easton Ellis vollends aus den Fugen.

"Lunar Park" liest sich so, als wolle sich Ellis eine Last von der Brust schreiben. Er wäre nicht der erste Schriftsteller, der sich mit der Verantwortung für sein Werk auseinander zu setzen hätte. "Wenn du etwas geschrieben hast, was dann passiert", fragt sich Ellis schließlich, "könntest du wohl auch etwas schreiben, was es ungeschehen macht?"

So ist "Lunar Park" ein gelungenes Vexierspiel um Dichtung und Wahrheit, das im Mittelteil Längen hat. Mit zynischem Gespür legt Ellis die oft fließenden Grenzen zwischen Alltag und Albtraum frei. Wenn das Buch eine tiefere Erkenntnis hat, dann wohl diese: Geister, die du rufst, holen dich immer wieder ein. Wenn's im Kopf spukt, gibt es kaum ein Entrinnen.

Bret Easton Ellis: Lunar Park Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, 457 Seiten, 22,90 Euro

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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