Als Botschafter in Kuba
In der Karibik eingefroren

Bernd Wulffen war deutscher Botschafter in Havanna und erlebte die diplomatische Eiszeit zwischen Kuba und der EU hautnah mit. In seinem Buch zeichnet er ein Bild der Lage in dem kommunistischen Karibik-Staat und geht der Frage nach, was nach dem Tod Castros kommen könnte.
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LEIPZIG. Als Bernd Wulffen im Frühjahr 2001 seinen Dienst als Repräsentant Deutschlands im Karibik-Staat Kuba antrat, war die "Zigarren-Achse" zwischen Fidel Castro und der Bundesregierung von Gerhard Schröder noch intakt. Die Beziehungen erlebten gerade eine Blütezeit, die Regierungen erweiterten die Entwicklungszusammenarbeit.

Doch im Jahr 2003 will der wohl letzte verbliebene kommunistische Staatschef aus der Zeit des Kalten Kriegs seine Position festigen und setzt zum Schlag gegen die Opposition an. 75 Regimegegner wandern ins Gefängnis. Die EU reagiert darauf mit einer offenen Annäherung an Castros inner-kubanische Kritiker. Der Commandante kocht vor Wut und kappt weitgehend die Kooperation mit Europa. Wulffen und seine EU-Kollegen bleibt der offizielle Kontakt mit sämtlichen kubanischen Regierungsstellen fortan verwehrt. Sie sind "eingefroren" unter Palmen.

Mit für einen ehemaligen Diplomaten ungewöhnlich deutlichen Worten stellt Wulffen die These auf, dass die anhaltende Blockade-Politik der US-Regierung maßgeblich zur Verhärtung der Fronten beiträgt. Auf der anderen Seite passt dem Diktator eine Entspannung aber nicht ins Konzept. "Präsident Bill Clinton hatte zwar versucht, die Sanktionen zu lockern, aber mein Eindruck ist, dass Castro dieser Schritt ungelegen kam", sagt Wulffen im Gespräch mit Handelsblatt.com. "Ihm drohte das Feindbild verloren zu gehen." Gerade der Pflege dieses Feindbilds verdankte Castro, zusammen mit seinem außergewöhnlichen Charisma, seine ungebrochene Herrschaft über die Karibik-Insel.

Hinter den Kulissen dieser offen ausgetragenen Feindschaft findet Wulffen jedoch zahlreiche Beispiele einer Kooperation zwischen den USA und Kuba. Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit ist ein reger Austausch zwischen US-amerikanischen Firmen und kubanischen Gesellschaften gediehen.

Wulffen ist in der Zeit seiner "Einfrierung" viel durch das Land gereist. Aus seinen Erlebnissen zeichnet der Ex-Diplomat das Bild eines Gesellschaftssystems voller Widersprüche. Auf der einen Seite steht eine kleine, durch den Tourismus zu bescheidenem Wohlstand gelangte Gruppe. Auf der anderen Seite die Armut breiter Teile der Bevölkerung. Mit seinen Beobachtungen zerschlägt der ehemalige Botschafter beispielsweise den Mythos der Partei-Propaganda, Kuba habe ein sehr gut funktionierendes Gesundheitssystem. Zwar sei dieses im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern noch recht gut, meint Wulffen. Doch es mangelt an Ärzten, die Castro als Hilfe unter Brüdern nach Venezuela geschickt hat.

Der Diplomat zeichnet zwar die verschiedenen Optionen auf, was nach dem Tode des Revolutionsführers mit dem Lande passieren könnte. Einen klaren Ausblick wagt er aber nicht. Fidels eher hölzernem Bruder Raúl räumt er nur dann die Chance eines langjährigen Machterhalts ein, wenn dieser sich eine charismatische Führerfigur zur Seite stellt. Einer demokratischen Wende billigt der Ex-Botschafter vorerst jedenfalls nur geringe Aussichten zu. "Die Opposition ist derzeit zu zersplittert, um einen Umschwung herbeizuführen", sagt der langjährige Diplomat.

Seinen Bericht über die fünf Jahre im diplomatischen Dienst in Kuba schmückt Wulffen mit interessanten bis amüsanten Details aus dem diplomatischen Alltag - aber auch mit unangenehmen Erkenntnissen. "Ich bin mir sicher, dass wir abgehört wurden", sagt der ehemalige Botschafter. "Wenn es etwas vertrauliches zu besprechen gab, bin ich dazu mit meinen Gästen in den Garten gegangen."

Bernd Wulffen: Eiszeit in den Tropen, Ch. Links, Berlin 2006, 320 Seiten, 19,90 Euro.

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