Als literarischer Autor ist Dobelli ein unbeschriebenes Blatt
Lebst du noch mit 35 ?

Calvin und Zwingli sind schuld: „Man darf überall nie müßig gehen, sondern soll beständig tätig sein“, predigten die Reformatoren ihren Anhängern. Der Schweizer Rolf Dobelli hat diese Weisheiten mit der Muttermilch aufgesogen: „Mein Arbeitsethos ist calvinistisch. Das muss irgendein Gen sein.“

Das Gen wirkt auch in Belize. Mitten im Urlaub. Vermutlich ist es heiß, vermutlich hat Dobelli nichts zu tun. Strandleben mag er nicht. Sein 35. Geburtstag ist vorüber. Was nun? Alles erreicht, beinahe mühelos: eine internationale Karriere, Jobs rund um den Globus, die Doktorarbeit mit 29, eine glückliche Beziehung, dann sogar das eigene Unternehmen. Was in ihm nagt, beginnt er aufzuschreiben. 30 Seiten zunächst, erst als Tagebuch in der Ich-Form, dann in der dritten Person. Die Hauptfigur Gehrer drängt sich auf, ein Manager, dessen Leben aus den Fugen gerät. Ein Jahr entwirft er seinen Gehrer und findet dann auf Anhieb einen Verlag. Jetzt kommt das Buch „Fünfunddreißig. Eine Midlife Story“ in die Buchläden.

Noch ist Rolf Dobelli etwas verwundert, dass ihn jemand sprechen will, nur weil er ein Buch geschrieben hat. Da holt er den Gast persönlich vom Luzerner Bahnhof ab. Sonst wollen die Journalisten nur mit ihm über Getabstract reden, seine Firma, die im Internet Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern anbietet. Als literarischer Autor ist er ein unbeschriebenes Blatt.

Eine schmale Gestalt ist er am Ende des Bahnsteigs. Blaues Hemd, schwarze Hose, das Leseexemplar seines Buches als Erkennungszeichen. Wie ein Jungmanager sieht er immer noch aus: glatte Stirn, die dunklen Haare zurückgekämmt, die Augenbrauen schön geschwungen. Doch hinter der Stirn brodelt es. „Mit Mitte 30 ist alles klar, man bleibt, wer man ist. Die Illusion, dass man alles machen kann, ist gestorben,“ sagt Dobelli mit seinem weichen Schweizer Akzent.

Den Marketingleiter Gehrer bringen diese Erkenntnisse an den Rand seiner Existenz. Er bricht kurz vor seinem 35. Geburtstag auf, fliegt nach Kalkutta und wirft seinen Laptop in den Ganges. Manche Sätze aus dem Roman brennen sich ins Hirn: „Gehrer funktioniert wie ein Apparat. Diese Unergiebigkeit des Alltäglichen. Den Tag hindurch denkt es dann einfach mit ihm – ein schwaches Denken, ein unfruchtbares Denken, ein bewusstloses Denken“, schreibt Dobelli. Es ist nicht nur Gehrer, der kämpft. Es ist die Generation der heute 30- bis 40-Jährigen, die früh vieles erreicht hat und trotzdem nicht weiß, wo es hingehen soll.

Ein Glücksfall ist Dobellis Sprache. Leicht und witzig kommt sie daher: Der Existenzkampf als ironischer Parforceritt. „Ich habe Beobachtungen zusammengetragen, Rituale und Verhaltensmuster, die mir Kollegen erzählt haben oder die mir selbst bei Meetings aufgefallen sind.“ Den Hype um Adressen, zum Beispiel: Manager, deren elektronische Adressbücher 3 000 Namen umfassen. So, als könnte jeder Name, zu dem irgendwann das Gesicht abhanden kommt, nützlich sein.

Mitten im Gespräch schaut Dobelli manchmal verwundert drein. Dann merkt man, wie wenig er seine neue Rolle bislang erprobt hat. Schriftsteller und Unternehmer scheinen sich einen Machtkampf zu liefern. „Ich bin primär Unternehmer, sekundär Schriftsteller“, sagt er ein wenig schroff. Auf einmal schimmert unter der höflichen Oberfläche die glasklare Disziplin hervor, die ihn immer zu Hochflügen bringt. Von 1991 bis 1998 arbeitete er bei der damaligen Swiss Air, brachte es zum Chef einer Tochter mit 450 Mitarbeitern. Und ärgerte sich, dass er so viel Zeit damit vertrödelt hatte, schlechte Managementliteratur zu lesen.

Beim Wirtschaftsstudium in St. Gallen lernte er die Freunde kennen, mit denen er 1999 Getabstract gründete. Heute hat die Firma 15 Mitarbeiter in Luzern und Miami, wo Dobelli die meiste Zeit lebt. 120 freie Journalisten fassen die wichtigsten englischen und deutschen Neuerscheinungen zusammen. Im Luzerner Büro herrscht immer noch Startup-Atmosphäre. Eine Sekretärin fürs Kaffeekochen gibt es nicht, das macht Dobelli selbst. Fast das ganze Team scheint sein Debüt gelesen zu haben: „Sie sichern mich ab, dass ich nicht abspace.“

60 Stunden arbeitet er in der Woche für sein Unternehmen, geht am Freitagabend schlafen und steht am anderen Morgen als Schriftsteller auf – eine komplette Verwandlung. Schreiben ist Erholung und heißt Verzicht: keine Partys, kein Segeln. „Am Wochenende bin ich ein antisoziales Tier.“ Literarische Vorbilder? Gibt es nicht. Keine Zeit zum Lesen. Das muss man sich mal vorstellen: Da sitzt der smarte, internationale Unternehmensgründer Dobelli beim Verleger Daniel Keel und bekennt, dass er kaum Belletristik gelesen hat. Nur ein bisschen Max Frisch, Günter Grass und Bertolt Brecht.

Keel habe gleich in das riesige Regal hinter sich gegriffen und Buch um Buch herausgeholt: Balzac, Faulkner, Tschechow, Dostojewski. Jetzt beginnt Dobelli manches nachzulesen, aber lieber schreibt er. Das zweite Buch über Gehrer liegt schon in der Schublade.

Für den 36-Jährigen war schon früh klar: „Die Schweiz ist eng, man geht gerne raus.“ Noch heute spürt man beim gemeinsamen Gang durch seine Heimatstadt, wie klein diesem klugen Kopf sein Land irgendwann war. Mit einer weit ausholenden Geste umreißt er Schönheit und Enge der Stadt. An trüben Tagen steckt der Hausberg Pilatus in Wolken, Regen peitscht über den Vierwaldstätter See, hier kann man gut die „Philosophie des Davonrennens“ entwickeln, von der Anti-Held Gehrer erzählt.

Dobellis eigenes, selten genug stattfindendes Davonrennen heißt allerdings: Davonfliegen. Das ist seine große Leidenschaft. Schon zweimal überführte er mit seiner amerikanischen Frau, einer Berufspilotin, ein einmotoriges Flugzeug von Florida nach Zürich. Jetzt wartet er auf die nächste Gelegenheit. Vorher kommen die ersten Schritte im Literaturbetrieb. Noch nie war er auf einer Lesung. Auf der ersten, die er besucht, wird er selbst lesen.

Und von seinem Helden Gehrer erzählen, dessen großer Ausbruchsversuch im Krankenhaus endet. Mit gestutzten Flügeln und demolierten Kopf. Und dem noch unbestimmten „Entschluss, jetzt anders mit dem Leben umzugehen“. Mal sehen, welches Schicksal Rolf Dobelli im nächsten Band für ihn parat hält.

Quelle: Handelsblatt

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