Alte Meister
Chinesen investieren in Europas Malerfürsten

Gemälde aus Barock und Mittelalter müssen heute emotional, unkompliziert und kraftvoll sein. Sonst finden sie keine Käufer. Das zeigt die Londoner Altmeisterauktionen. Bei mitreißenden Bietgefechten fielen besonders asiatische Sammler auf.
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LONDON. Es fehlte bei den Londoner Altmeisterauktionen nicht an mitreißenden Bietgefechten. Aber nicht alles begeisterte und bei den Superlosen, auf die es ankam, reagierten die Bieter mit feindseliger Verweigerung. Christie’s Abendauktion am 7.12. endete mit der Enttäuschung der Woche. Der auf 15 bis 20 Mio. Pfund taxierte, über alle Zweifel erhabene, großartige Poussin aus der Sakramentsserie des Duke of Rutland blieb unverkauft.

Am Abend danach konnte Sotheby’s Auktionator Henry Wyndham den besten George Stubbs seit Jahrzehnten – das Pferdebild mit Zuchtstuten und Fohlen in romantischer Landschaft aus der Sammlung des Earl of Macclesfields – zum Schluss einer flachen Auktion nur unter Zittern an ein einsames Telefongebot abgeben. Das Bild hatte noch nicht einmal die untere Grenze der 10 bis 15 Mio. Pfund Taxe erreicht – der Endpreis von 10,1 Mio. Pfund (brutto) war trotzdem das Dreifache des bisherigen Höchstpreises für Stubbs. Der Abend war gerettet.

War der Käufer einer der Asiaten, die in den Abendauktionen fünf Bilder kauften, wenn man die Prozentangaben der Auktionshäuser umrechnet? „Das ist für uns etwas völlig Neues“, verwunderte sich Christie’s Experte Nick Hall über einen Trend, der noch sensationeller ist, als die Rückkehr der Russen in den europäischen Altmeistermarkt vor einem Jahrzehnt. Die Einzelheiten bleiben unklar. Sicher ist lediglich, dass bei Christie’s ein J.W.Turner Aquarell an einen chinesischen Bieter ging und der hohe Preis des Thomas Lawrence-Porträts der Countess of Wilton von 1,8 Mio. Pfund durch das Untergebot eines Asiaten zustande kam, der auch auf Juwelen der Herzogin von Windsor geboten hatte.

Britische Kunst lief gut

Vor allem britische Kunst könne internationale Grenzen überschreiten, deuten die Experten an. Sie hatte in der Tat eine gute Woche. Den hohen Preis für Joshua Reynolds Porträt eines feingliedrigen Aristokraten bewilligte allerdings der schwerreiche Händler Danny Katz, der für seine Privatsammlung charakteristische Porträts sucht und 553 250 Pfund bezahlte.

Am nächsten Abend sorgte Katz bei Sotheby’s für den Ausreißer des Abends und ersteigerte das ungewöhnliche „Porträt einer älteren Frau“ des Monogrammisten IS auf 577 250 Pfund – Sotheby’s hatte es 30 000 bis 50 000 Pfund angesetzt. Es war die packende Faszination des Bauerngesichts, das den Ausschlag gab. Chinaverdächtige Telefongebote gab es bei Sotheby’s für das Johann Zoffany Familienporträt aus einem schottischen Adelsschloss (769 250 Pfund) und Männerporträts des Antonis van Dyck, dessen Haudegen Sir John Mennes im roten Seidenrock 690 850 Pfund kostete.

Man könnte noch andere nennen – den hohen Preis von 1,6 Mio. Pfund für eine ätherische Madonna des Luis de Morales bei Christie’s etwa. Gemeinsam hatten diese Preise, dass sie für Kunst von direkter, emotionaler Wirkung bezahlt wurde und das führt zum Flop des Poussins zurück. Er war nicht „unverkäuflich“, wie eine Nachrichtenagentur meldete, aber zu teuer. „Für dieses Bild gibt es nur Museen als Käufer und die haben kein Geld“, so kategorisch Altmeisterhändler Derek Johns, „die Schätzung hätte unter 10 Mio. Pfund liegen müssen“. Christie’s Experte Richard Knight hatte die 15 bis 20 Mio. Pfund Taxe damit begründet, dass sich „die Begeisterung für ein Bild in der Preiserwartung spiegeln“ müsse. Ein Dilemma. Hohe Taxen sind eine Hürde, aber Ausnahmebilder, die nur alle Jahrzehnte auf den Markt kommen, dürfen auch nicht mit zu niedrigen Taxen respektlos verschleudert werden.

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