Alte Meister
Hochkarätiges Angebot  

Das Altmeisterangebot in London ist diesmal schmal, aber gewichtig. Bonhams schickt einen neu entdeckten Velazquez ins Rennen, Christie’s ein Karnevalsbild von Pieter Brueghel d.J. und Sotheby’s einen sensationellen Jan Steen. 
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London„Der Hunger auf erstklassige Altmeister Gemälde ist ungeschmälert“, berichtete Christie’s Experte Richard Knight, als er die Stars seiner kommenden Auktion am 7. Dezember vorstellte. Nur, wo sie finden? Das wird immer mehr zum Problem. Lange nicht war das Londoner Dezemberangebot so schmal – aber lange auch nicht so streng auf Qualität getrimmt. Christie’s hat nur 36 Lose in der Abendauktion. Sotheby’s  bietet am 7. Dezember  38 Lose an. Auch die Bonhams Auktionen waren schon umfangreicher – hier werden ebenfalls am 7. Dezember nur 63 Lose ausgerufen.

Gestiegene Ansprüche

Woran liegt das?  Der Markt schrumpft nicht nur weil es weniger Altmeister gibt, sondern weil immer weniger davon den gestiegenen Ansprüchen genügen – dem tragen diese Kataloge Rechnung. „Die Sammler werden wählerischer, auch was Zustand und Provenienz angeht“, so Sotheby’s  Experte George Gordon auf die Frage nach dem schrumpfenden Markt. Sotheby’s gab jüngst in seiner Quartalsbilanz Einblick in diese Realität: Bei der 2006 übernommenen Händlertochter Noortman Master Paintings wurden 8 Millionen Dollar vom Wert des Lagerbestands abgeschrieben. Die entsprechenden Werke werden versteigert – aber nicht einmal von Sotheby’s selbst.

Die Käufer sind informiert

Preise für die besten Gemälde steigen. Das, was noch vor ein paar Jahren routiniert weiterverkaufte Dekorationsware war – Landschaften, lieblos gemalte Marinebilder, Stillleben – sinkt im Preis. Sammler kennen heute die Meisterwerke der Weltmuseen. Im Internet können sie vergleichen und wissen besser als je ein attraktives Bild von einem weniger unwiderstehlichen zu unterscheiden.

Zu schnelle Weiterverkäufe

Dazu kommt, dass die Alten Meister, die eigentlich Jahrzehnte in ehrwürdigen Gemäuern hängen und nur alle paar Generationen abgestaubt und weiterverkauft werden sollten, immer kurzlebiger gehandelt werden – das verringert ihre Attraktivität. Ein Beispiel ist das bei Sotheby’s versteigerte Damenporträt von Lucas Cranach dem Jüngeren mit der Perlenmütze, das Konrad Bernheimer 2007 auf der Höhe des Cranach-Booms für 3,6 Millionen Dollar ersteigerte, weiter verkaufte und das im Januar 2011 in New York mit einer Taxe von 3 bis 4 Millionen Dollar scheiterte. Nun ist die Dame für einen Ausverkaufspreis von 800.000 bis 1,2 Millionen Pfund zum halben Preis zu haben.

Neu entdeckter Velazquez

Gut ist, dass immer wieder neue Meisterwerke entdeckt werden, die Aufregung verursachen. Bonhams bietet als Höhepunkt seiner Auktion ein Männerporträt von Velazquez an, das Experten im letzten Moment aus einer Oxforder Provinzauktion herausgezogenen und in zäher Detektivarbeit identifizierten. Die spanischen Velazquez-Experten haben es abgesegnet. Das bis auf einen kleinen Riss unter der gedunkelten Firnisschicht gut erhaltene Bildnis könnte den Jagdmeister von König Philip IV. zeigen und ist auf 2 bis 3 Millionen Pfund geschätzt – niemand hatte eigentlich gerechnet, dass ein Velazquez so schnell auf den Markt kommen würde. Der letzte, das Porträt der kindlichen Santa Rufina, attraktiver als der Jagdmeister, wurde 2007 für fast 9 Millionen Pfund in London verkauft.

 Zweite Neuheit bei Bonhams ist ein kleines Früchtestillleben von Adriaen Coorte. Die schlichten Stilleben des lange maßvoll bewertete Niederländer sind inzwischen teuer geworden. Das bisher unbekannte, in altem Familienbesitz gefundene und völlig unrestaurierte Bild ist auf 300.000 bis 500.000 Pfund geschätzt.

Potenz für Millionenpreise

 Der spanische Gentleman reiht sich gut neben Christie’s Spitzenlos ein: Unter sieben als potentielle Millionenbilder taxierten Werken ist  hier Francisco de Goyas Porträt des königlichen Brokatstickers Juan López de Robredo, „Bordador del Rey“, für 4 bis 6 Millionen Pfund. Das Werk ging 1992 zum letzten Mal durch eine Auktion, damals erfolglos. Eine der besten Versionen von Peter Brueghel d.J. vom Kampf zwischen Karneval und Fasten ist auf 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund angesetzt – kein unbekanntes Bild, es war 2006 zum letzten Mal für 3,3 Millionen Pfund in einer Auktion. Das Motiv hat Pieter Brueghels Vater entwickelt.

Begehrt dürfte eine feine Marine von Willem van de Velde im stattlichen Format 86 x 120 cm sein (1,5 bis 2,5 Millionen Pfund), eine Spinnerin in der Stube des Rembrandt-Schülers Nicholas Maes kostet 1 bis 1,5 Millionen und bei den britischen Arbeiten ist ein weiteres Ganzporträt von Thomas Gainsborough die Hauptattraktion. Im Juli verkaufte Christie’s die Mrs. William Villebois zum Rekordpreis von 6,5 Millionen Pfund, nun soll der lässig an einen Fels gelehnte Earl of Chesterfield mit Hund 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund bringen.

Britisches ist gefragt

Britische Kunst hat zurzeit Hochkonjunktur – sie hat, zusammen mit den Goldgrundgemälden, in den letzten Jahren neue Märkte in Russland und sogar China erobert. Ein Grund, warum die größten Erwartungen der Woche sich auf ein Paar früher „Conversation Pieces“ von Johann Zoffany richten. Der Frankfurter Maler, der nach England zog, ist wenig bekannt. Denn viele seiner Bilder sind in der Royal Collection aufbewahrt und nicht in den Museen der Welt. Zoffany ist aber extrem wichtig für die Entwicklung des britischen Familienporträts. Sotheby’s Paar zeigt den berühmten Schauspieler David Garrick mit Frau in seinem Sommersitz in Hampton an der Themse – es ist der bedeutendste und im Prinzip einzigste Zoffany seit 20 Jahren auf dem Markt. Schon die Schätzung schlägt mit 6 bis 8 Millionen Pfund alle Rekorde. Im Frühjahr wird eine Zoffany-Retrospektive in der Royal Academy die Bedeutung des Malers für die englische Kultur der Empfindsamkeit unterstreichen. Da Mr. und Mrs. Garrick im Freien Tee nach der damals aufkommenden China-Mode trinken, könnte das Paar für chinesische Käufer attraktiv sein.

Markttest mit Jan Steen

 Neben wichtigen Arbeiten von Anthony van Dyck, eine großartigen Landschaft von Salomon van Ruysdael und Goldgrundgemälden aus deutschem Sammlungsbesitz ist der zweite Star bei Sotheby’s „der beste Jan Steen in Privatbesitz“. So nennt George Gordon das kleine, deliziös gemalte Interieur mit Kartenspielern, das einmal der Vanderbilt-Familie gehörte. Als sie es 1989 verkaufte, erzielte es  einen Rekordpreis von knapp 3 Millionen Dollar und ähnliches dürfte sich nun wiederholen. Das Bild soll 4,5 bis 6 Millionen Pfund kosten und ist mit einer Preisgarantie versehen. Es wird viel über die Stärke des Marktes sagen, ob die in dieser Schätzung enthaltene „upside“ realisiert werden kann – denn ein besseres niederländisches Kabinettsstück als das episodenreiche, brillant gemalte und aufregend komponierte Gemälde mit seinem Durchblick ins Hinterzimmer des Freudenhauses und von dort in die Stadt ist derzeit wohl nicht auf dem Markt zu haben.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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