Alte Meister
Letztes Hurra in einem schrumpfenden Markt

Die Londoner Altmeisterauktionen brachten zwar Toppreise für Raffael, Rembrandt und van Dyck. Doch das Umfeld ist inzwischen weitgehend ausgedörrt: Nie war der Markt so in Trophäen und den schwachen Rest gespalten.
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LONDON. Es gab vier großartige Preisrekorde – für Raffael, Rembrandt, Domenichino und van Dyck. Noch besser belegten einige Ausreißer, dass dem Markt die Lust auf große Bilder vergangener Jahrhunderte nicht vergangen ist. Etwa das sonnendurchflutete Bild einer Südländerin von dem Klassizisten Cesar Boetius van Everdingen, das bei Sotheby’s auf 50 000/70 000 Pfund geschätzt war. Neun Bieter waren interessiert, erst bei 1,2 Mio. Pfund (1,3 Mio. Euro) wurde es an einen Telefonbieter verkauft.

Viele Gemälde bleiben unverkauft

Jenseits der Gefechte um solche Perlen regierte die gähnende Langeweile. Sotheby’s Abendauktion spielte 15 Mio. Pfund ein. Nimmt man das Toplos heraus, das herrliche Selbstporträt des eleganten Malers van Dyck im hochbarocken Goldrahmen, das Alfred Bader zusammen mit dem Londoner Porträtspezialisten Philip Mould für 8,3 Mio. Pfund ersteigerte, bleibt ein spärliches Ergebnis von weniger als 7 Mio. Pfund. Von 50 in der Abendauktion angebotenen Losen fanden 21 kein Interesse.

Christie’s hatte mit 68,4 Mio. Pfund die umsatzstärkste Altmeisterauktion der Auktionsgeschichte. Schon wegen des sagenhaften Preises von 29,2 Mio. Pfund (32,2 Mio. Euro) für die Raffael-Zeichnung (Handelsblatt vom 10.12.) wird sie in die Geschichte eingehen. Aber zieht man den Raffael ab, dazu noch den für 20,2 Mio. Pfund ohne allzu große Begeisterung verkauften Rembrandt und den Rekordpreis von 9,2 Mio. Pfund für den wie eine Skulpturengruppe komponierten Evangelisten Johannes des Domenichino, bleiben noch 9,8 Mio. Pfund. 35 Prozent der Lose blieben unverkauft.

Nie war der Markt so in Trophäen und den schwachen Rest gespalten. Und das, obwohl Christie’s seine neue Konfektmischung aus Altmeistern, Zeichnungen und Kunst des 19. Jahrhunderts bereits als die Auswahl des Besten vermarktet, was der Markt zu bieten hat. Manches davon wäre in einer Tagauktion, abseits der Fernsehkameras, genauso gut oder besser verkauft worden.

Die Käufer bleiben wählerisch

So war es, als würden sich die Bieter um die letzten schmackhaften Bissen einer abgegessenen Festtafel streiten. „Der Markt ist, wie er immer war“, behauptete Sotheby’s-Experte George Gordon. „Es geht eben in Wellen“, erklärte Christie’s Paul Raison. „Es gab höchstens 20 Werke, die man hätte kaufen können“, meinte Colnaghi-Chef Konrad Bernheimer nach der Christie’s-Auktion. „Wir warten noch zwei Jahre ab“, resümierte Henry Zimet von der New Yorker Spitzenhandlung French & Co. düster nach der Sotheby’s-Auktion.

Es fehlte das Angebot. Aber auch das Käuferinteresse wird selektiver. Nicht nur düstere Gemälde bleiben liegen, auch Landschaften und Stillleben. Es fand sich bei Sotheby’s kein Hundefreund für G. B. Tiepolos Schoßhündchen zu 200 000 Pfund. Das Rubens-Porträt einer Frau im spanischen Kostüm (4 Mio. Pfund) floppte.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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