Alte Meister: Poussin sorgt für Aufregung bei Museen und Sammlern

Alte Meister
Poussin sorgt für Aufregung bei Museen und Sammlern

Makellose Hauptwerke Alter Meister stehen nur selten zum Verkauf. Eine der letzten Reserven sind britische Adelssammlungen. Doch die werden jetzt sukzessive verkauft. Jetzt vermarktet Christie's Nicolas Poussins "Priesterweihe" zu einem Schätzpreis von 15 bis 20 Mio. Pfund.
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LONDON. Christie's hat angekündigt im kommenden Dezember Nicolas Poussins Gemälde "Ordination/Priesterweihe" mit einem Schätzwert von 15 bis 20 Mio. Pfund zu versteigern. Das hat einen Beinahe-Gau bei den Beschützern des britischen Nationalerbes ausgelöst. Nicolas Poussin ist der Hauptmeister des hochbarocken Klassizismus. Die im Freien stattfindende "Priesterweihe" ist Teil der ersten von zwei hoch bedeutenden Serien mit Darstellungen der sieben Sakramente. Die Rarität von Poussins an der Antike orientierten Landschaftsgemälden könnte einen erbitterten Kampf von Spitzenmuseen in der Welt - oder deren heimlichen Gönnern - auslösen. Christie?s Experte Richard Knight erwartet "Aufregung bei Museen und Sammlern".

Wettkampf der Spitzenmuseen

Hauptkandidaten sind der Louvre und die Nationalgalerie Washington, respektive anonyme Gönner. Ein weiterer Großankäufer von Kunst ist der Fürst von Liechtenstein für sein Wiener Museum. Bis August hing die Serie noch als Leihgabe des Duke of Rutlands in der Londoner Nationalgalerie.

Welle von Adelsverkäufen

Der Verkauf wurde bestätigt, nachdem ein Gemälde von J.M.W.Turner dieses Jahr bei Sotheby's für 30 Mio. Pfund (36 Mio. Euro) ans Getty Museum verkauft wurde. Meisterwerke der Kunstgeschichte haben Hochkonjunktur und Großbritanniens Adlige haben sich das zu Herzen genommen, vor allem wenn sie, wie der Duke of Rutland, ihre Schlösser renovieren wollen. Der Turner hatte dem Earl of Rosebery gehört, dessen Sohn Harry Dalmeney stellvertretender Sotheby?s Chairman ist. Die Fülle von Adelsauktionen in diesem Jahr hat Aufsehen erregt. Unter anderem verkaufte der Duke of Devonshire, der im Oktober in Chatsworth eine Hausauktion durchführt, für 10 Mio. Pfund eine Renaissancebronze des Pierino da Vinci an den Fürsten von Liechtenstein.

Nationales Erbe schwindet

Mit dem Poussin beschleunigt nun der Abfluss des nationalen Erbes, den vor allem die Londoner Nationalgalerie seit langem fürchtet. Der Duke of Rutland gab 2002 fünf Gemälde (Abendmahl, Firmung, Hochzeit, Priesterweihe, Letzte Ölung) als Leihgabe an die Nationalgalerie, verbunden mit einem Vorkaufsrecht. Als Gesamtpreis für die fünf Bilder wurden 100 Mio. Pfund genannt. Louvre und die Nationalgalerie Washington äußerten damals schon Interesse. Washington besitzt bereits die "Taufe", 1946 von den Rutlands erworben, das siebte Gemälde im Zyklus, "Buße", wurde 1816 durch Feuer zerstört.

Enormer Bedarf an Sondermitteln

2007 beantragte die Nationalgalerie Sondermittel für den Erwerb. Doch dann kam der Ankauf des 50 Mio. teuren Tizian aus der Bridgewater-Collection dazwischen, dem sagenhaften Kunstbesitz des Duke of Sutherland, der seit den Vierzigerjahren als Leihgabe den Kern der schottischen Nationalgalerie bildet. Auch Sutherland will nun Cash sehen. Der Verkauf eines zweiten Tizian für ebenfalls 50 Mio. Pfund wurde bereits vereinbart. Zur Bridgewater-Collection gehört Poussins vollständige zweite Sakramentserie.

Schlechte Karten für den Staat

Nur die Versteigerung kann nach britischen Gepflogenheiten den Marktwert von Poussins "Priesterweihe" festsetzen. Ein staatliches Vorkaufsrecht gibt es im Vereinigten Königreich nicht. Aussichten, dass die Nationalgalerie dann an die Stelle des Käufers treten kann, um das wertvolle Bild im Lande zu behalten, sind angesichts der drakonischen Sparzwänge und der bereits übergroßen Verpflichtungen der Galerie gering - damit auch die Aussichten, dass die fünf Poussin-Werke zusammenbleiben.

www.christies.com

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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