Alte Meister
Russische Spendierhosen

Im Wiener Dorotheum ist die erste Auktionswoche der Herbstsaison angelaufen. Große Erwartungen hefteten sich an einen prunkvollen Leuchter, der André-Charles Boulle zugeschrieben werden konnte. Doch das Top-Los floppte. Mehr Erfolg hatten die Alten Meister.
  • 0

WIEN. Das kleine Vermögen war schon in Sichtweite. Es hätte dem deutschen Händler ein stattliches Einkaufsbudget beschert oder auch private Träume erfüllt. Im Oktober 2009 hatte er für 13.000 Euro (ohne Aufgeld) im Kinsky einen als "prunkvoll, Frankreich um 1730" bezeichneten Luster ersteigert. Exakt 365 Tage und ein Gutachten des international anerkannten Boulle-Experten Jean Nérée Ronfort später hätte der achtarmige Leuchter im Zuge der dritten Auktionswoche im Dorotheum (12. bis 14. Oktober) 600.000, wenn nicht 800.000 Euro einspielen sollen.

Barockbett wandert ins Warenlager zurück

Die Realität war eine andere, lediglich zwei Telefonbieter deponierten ihr Interesse. Die gebotenen 550.000 Euro lagen allerdings unter dem Einbringerlimit. Der Sensationsanwärter wanderte ins Warenlager zurück. Das Titellos der Sparte Antiquitäten, ein prunkvoll wirkendes aber tatsächlich nur partiell in das 18. Jahrhundert datierbares Barockbett mit Baldachin (Taxe 100/150.000), tat es ihm gleich.

Fürst Liechtenstein kauft ein

Die wahren und mit zweifelsfreier Qualität wie moderaten Taxen punktenden Gustostücke lauerten andernorts: Da gab es zum Beispiel ein klassizistisches, um 1810/15 vom Wiener Möbelfabrikanten Danhauser ausgeführtes Girandolenpaar, für das ein österreichischer Sammler mit 45.000 Euro den doppelten Schätzwert bewilligte. Oder auch die vom deutschen Handel umworbenen frühen Biedermeier-Konsoltische, für die sich Johann Kräftner im Auftrag des Fürsten Liechtenstein bei 55.000 Euro durchsetzte. Seine endgültige Heimat wird das Pärchen in der Bibliothek des Palais in der Bankgasse finden, das nach dreijähriger Renovierung im Herbst 2012 eröffnet wird.

Erfolg einer bekränzten Jungfer

Die Höhepunkte der in den Sparten Gemälde des 19. Jahrhunderts und Alte Meister verzeichneten Besitzerwechsel verdankt das Auktionshaus zu einem wesentlichen Anteil einem Saalbieter, der sich hierzulande seit geraumer Zeit wohl im Auftrag russischer Investoren engagiert: So holte er sich Dienstag etwa Ferdinand Georg Waldmüllers "Kranzljungfer" zum höchsten Zuschlag der Sitzung für 360.000 Euro, die er allerdings bei Sotheby's in London 2008 schon für weniger hätte haben können (260.000 Euro ohne Aufgeld).

Alte Meister machen dickes Plus

Auch anderntags, bei Gemälden Alter Meister, hatte der mutmaßliche Auftragsbieter die redensartlichen Spendierhosen an. Er fischte sich mit Il Guercinos zwei Szenen aus dem Leben König Davids (280.000) oder Carlo Marattis "Venus und Cupido" (240.000) die teuersten Positionen aus dem Tagesangebot.

Bei Redaktionsschluss war die Auktionswoche noch im Gange. Gegenüber den Spartensitzungen im Vergleichszeitraum 2009 bilanzierten Gemälde 19. Jahrhundert etwas verhaltener (-8 %) als die Alten Meister (+ 29%).

www.dorotheum.com

Kommentare zu " Alte Meister: Russische Spendierhosen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%