Alte Meister
Wie eine Renaissance-Schönheit geschätzt wird

Die kommende Altmeister-Woche in London kann mit großen Namen der Malereigeschichte aufwarten: Rembrandt, Raffael und van Dyck. Aber auch mit einer seltenen Venus-Skulptur des Renaissance-Bildhauers Antico. Einblick in den Preisfindungsprozess.
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LONDON. Die "Sitzende Nymphe" misst lediglich 19,5 cm in der Höhe. Goldgelockt, diadembekränzt und nur mit einem Tuch über den Beinen angetan, bietet die Schöne ihre Reize von allen Seiten dar. Geschaffen hat sie der berühmte Mantuaner Renaissancekünstlers Pier Jacopo Alari-Bonacolsi (ca. 1460-1528), der wegen seiner Begeisterung für antike Vorbilder Antico genannt wird. Genannt wird sie der "Bedford Antico", denn sie kommt aus der Skulpturengalerie der Herzöge von Bedford. Aus dieser Galerie gelangen nicht zum ersten Mal hochbedeutende Skulpturen auf den Markt.

Echtheit und Seltenheit haben ihren Preis

Obwohl sie so klein ist, soll die "Sitzende Venus" 1,5 bis 2,5 Mio. Pfund kosten, wenn sie am 8. Dezember bei Sotheby?s versteigert wird. "Sie schlägt einen sofort in Bann", so Sotheby?s Spezialist Alex Kader zu der bisher noch nicht im Antico-Oeuvre verzeichneten Rarität. Die Spannbreite der Schätzung zeigt, dass es keine ganz exakte Wissenschaft ist, eine solche Bronze zu schätzen. Dass sie tatsächlich von Antico geschaffen wurde, machen den Experten allein schon die silber eingelegten Augen und die Quecksilber-Vergoldung klar.

Eigenhändige Skulpturen dieses Wegbereiters kommen ganz selten auf den Markt und waren immer für Überraschungen gut. Im Dezember 2003 hatte Christie?s ein großes Medaillon mit Sicherheit einem Künstler der Mantuaner Schule zugeschrieben, aber nur vage eine keineswegs bewiesene Verbindung mit Antico angedeutet, nicht zuletzt wegen der Vergoldungen und der schwarzen Patina. Das 42 cm messende Werk "Venus in der Schmiede des Vulkan" war damals auf 1 bis 1,5 Mio. Pfund geschätzt und erzielte einen Ausreißerpreis von stolzen 6,95 Mio. Pfund.

Diesen Preis habe er bei der Schätzung der Venus ignoriert, sagt Kader. Dagegen dienten zwei Preise der 90er-Jahre als Anhaltspunkt: Im Juli 1993 brachte eine 23 cm große Statue eines fast kindlichen, lesenden Herkules aus der der Bremer Sammlung Johannes Jantzen nach einem heftigen Bietgefecht des damals noch finanzstarken Handels durch den Londoner Händler Rainer Zietz 1,26 Mio. Pfund (damals 3,1 Mio. DM). Drei Jahre später war Zietz der Unterbieter, als der kraftvolle, noch ganz im Geist des Quattrocento geformte, 35 cm hohe Herkules der Sammlung Sylvia Adams im Auktionshaus Bonhams einen Spitzenpreis von 3,08 Mio. Pfund einspielte - "ein Preis für das 21. Jahrhundert", sagte Zietz damals.

Hat sich der Skulpturenmarkt seither so wenig bewegt? "Es geht auf und ab", meint Kader. Der Geschmack hat sich stärker den florentinischen Bronzen der Giambologna-Schule zugewandt. Große Sammler wie das Getty Museum oder der Amerikaner Robert Smith, die den Markt damals antrieben, haben ihre Sammlungen abgeschlossen.

Namhafte Vorbesitzer erhöhen den Wert

Von der Sitzenden Nymphe gibt es ein zweites Exemplar in der Sammlung Smith, das der Washingtoner Nationalgalerie versprochen ist, aber keinen Preisvergleich bietet. Es kommt wie das Bedford-Exemplar mit aller Wahrscheinlichkeit direkt vom Hofe der Gonzaga, wo Antico arbeitete, war im 19. Jahrhundert in der Sammlung Rothschild und wurde 2003 über den Pariser Händler Alain Moatti an Smith verkauft. Das Bedford Exemplar ist in der Provenienz ebenbürtig: Zwischen 1730 und 1830 wird einer der Gonzaga-Herzöge die kleine Skulptur auf der traditionellen "Grand Tour" in Italien gekauft haben. Die Patina der Neuentdeckung ist nicht ganz so perfekt wie die des Washingtoner Beispiels, sie hat auch einen Bruchschaden am übergeschlagenen Fuß. Aber dies habe bei der Schätzung "keinen Moment eine Rolle gespielt", betont der Sotheby?s Experte.

Aufgebot großer Maler: Rembrandt, Raffael und van Dyck

So rar sie ist: Die Nymphe, auch als Venus oder, wegen des Felsens, auf dem sie sitzt, Andromeda interpretiert, wird in einer mit großartigem Material auftrumpfenden Londoner Altmeisterwoche im Schatten größerer Trophäen stehen. Sotheby?s selbst verkauft die größte chinesische, in Europa in Goldbronze gefasste chinesische Vase, einst im heutigen Elysée-Palast (bis 1 Mio. Pfund) und hat bei den Gemälden einen frühen Rubens (4 bis 6 Mio. Pfund) und ein Selbstporträt des Antonis van Dyke (2 bis 3 Mio. Pfund). Christie?s hat das sogenannte Cucci-Kabinett der spanischen Bankerfamilie March für 4 Mio. Pfund und natürlich die Höhepunkte einer sensationellen Woche - das große, späte Rembrandt Porträt (mindestens 18 Mio. Pfund) und die Raffael-Zeichnung einer Muse, die auf 12 bis 16 Mio. Pfund angesetzt ist.

www.christies.com


www.sothebys.com

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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