An Kitscheffekten wird nicht gespart
Provinztheater

Placido Domingo hilft der „Pique Dame“ an der Berliner Lindenoper nicht auf die Sprünge.

Tradition ist Schlamperei“, sagte schon Gustav Mahler. Doch was jetzt Mariusz Trelinski in der Berliner Staatsoper Unter den Linden abliefert, ist mehr als das: Fast food, die sich als kulinarische Sterneküche verkauft. Mit Tschaikowskys „Pique dame“ praktiziert er den Rückgriff auf die sechziger Jahre, in der Oper noch weitgehend sinnentleertes Ausstattungstheater ohne psychologischen Tiefgang war.

Den spart der polnische Regisseur jetzt ganz aus. Stattdessen baut er Revueszenen, in denen der Chor wie ein Fernsehballett rhythmisch posiert, die Personenführung sich in dekorativen Arrangements erschöpft und das tragische Scheitern der Hauptfiguren wie in einem öden Schwarz-Weiß-Film der vierziger Jahre abrollt: mit mehr Routine als Gefühl.

An Kitscheffekten, wie sie etwa der Friedrichstadtpalast bietet, wird nicht gespart. Es blinken rote Lichter, Männer in Fuchsmasken verkörpern das Unheil, Kostüme und Kulissen tragen Spielkartendekor und die Zarin erscheint auf dem als Revue angelegten Maskenball des zweiten Akts als Glamour-Transvestit.

Neue Sinnsuche war auch nicht von Placido Domingo, dem Star des Abends, zu erwarten, für den das Puschkin-Drama um den glücklosen Kartenspieler Hermann in den Spielplan aufgenommen wurde. Domingo liefert nicht mehr als eine professionelle Rollenstudie. Die überzeugt zwar sängerisch, weil der Startenor die dunklen dramatischen Farben beherrscht, ist aber darstellerisch konservativ bis zur Selbstaufgabe. In keinem Augenblick wird die Verzweiflung spürbar, die diesen manischen Verlierer Hermann ins Verderben treibt.

Unglaubwürdig ist auch die als Lisa stimmlich überforderte Angela Denoke, der man kaum abnimmt, dass sie wegen eines solchen Blässlings in die Newa geht. Der berückend singende Roman Trekel bleibt als Fürst Jeletzki eine Marionette, und die alte Gräfin (Ute Trekel-Bukhardt) muss mit abgewinkelter Zigarettenspitze als gealterte Filmdiva à la Gloria Swanson aufmarschieren und in einem Solarsessel einnicken. Die einzige wirklich lebendige Figur des Abends ist Graf Tomski, den der junge Bassbariton Hanno Müller-Brachmann mit stimmlichem Glanz verkörpert.

Selbst Dirigent Daniel Barenboim hat mit Tschaikowsky seine Schwierigkeiten. Bald drosselt er den Orchesterklang, bald gibt er zu Lasten der Sänger zu viel Ton. Er forciert Melodiebögen, hebt Einzelstimmen heraus, gibt den Ensembleszenen im ersten und dritten Akt starke Kontur. Es mangelt insgesamt an Zusammenhalt und innerer Spannung. Auch das schneidend scharfe Brio, das diese Partitur neben melodischem Schönklang verlangt, kommt hier entschieden zu kurz.

So können die in Scharen in Bussen angereisten Domingo-Fans an der Lindenoper zwar ihr Idol in guter stimmlicher Form erleben, das aber in einem musiktheatralischen Ambiente, wie es heute kaum noch Provinzbühnen anzubieten wagen.

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