Anish Kapoor
Im Bauch des Ungeheuers

Paris testet seine Angstgefühle in einer riesigen roten Ballonskulptur. Ihr Schöpfer ist der britische Bildhauer Anish Kapoor. Er bestreitet in diesem Jahr die „Monumenta“ in der Glaskuppel des Grand Palais.
  • 0

Paris Anish Kapoors neuestes Monumentalwerk füllt das ganze Pariser Grand Palais aus. „Leviathan“ hat es der Brite betitelt, der einer Einladung des französischen Kulturministeriums zur Teilnahme an der „Monumenta“ folgte. Einmal pro Jahr überlässt das Ministerium einem Künstler die Gestaltung des riesigen Glaskuppelbaus. Kapoor hat prominente Vorgänger. Vor ihm bespielten Anselm Kiefer 2007, Richard Serra 2008 und Christian Boltanski 2010 den Grand Palais.

Der aus Indien stammende Künstler bietet eine Erfahrung für alle Sinne an: Seine Ballonskulptur "Leviathan" ist sicherlich das größte aufgeblasene Kunstwerk, das jemals realisiert wurde. Besucher betreten zuerst ihr Inneres. Ein kolossaler Raum in hellrotem Licht öffnet sich hinter einer Drehtür – Membran, Uterus oder Eingeweide des biblischen Ungeheuers „Leviathan“. Wie in den Lichträumen James Turells verursacht das diffuse Licht eine irreale, faszinierende, für viele Menschen jedoch beängstigende Sensation (Schwangeren wird der Besuch abgeraten). Es ist, als schwebe man in dem hohen, runden, relativ engen Raum, dessen ausufernde Seitenteile nur vage erkennbar sind. Betreten kann man sie nicht.

Gefährlich wie ein Drache

Für die Membran des Kunstwerks musste ein spezieller High-Tech-Stoff entwickelt werden (Précontraint), der speziellen Anforderungen zu genügen hatte. Er sollte transparent sein, Schweißstellen des Stoffs und die Kupferstreben der Glaskuppel des Palais durchscheinen lassen, außerdem innen hell rot leuchten. Von außen sieht die kolossale Skulptur dunkelrot, wie getrocknetes Blut aus. Ihre enormen Rundungen signalisieren Harmonie und Geborgenheit, das Gegenteil zur schieren Größe. Auch der alttestamentarische Werktitel weckt gegensätzliche Assoziationen. Im Buch Hiob beschreibt Gott Leviathan, den Martin Luther mit „Krokodil“ übersetzt. Er ist gefährlich und beweglich wie ein Drache. Thomas Hobbs wählte im 17. Jahrhundert den Titel „Leviathan“ für seine philosophische Beschreibung des Staates. Im übertragenen Sinn bedeutet „Leviathan“ ein Objekt von monumentaler Größe.

Als Ganzes nicht überschaubar

Kapoor macht sich alle diese Definitionen zu eigen. Sein zehn Tonnen schwerer, knapp 100 Meter langer, 72 Meter breiter und fast 34 Meter hoher Ballon füllt das Grand Palais praktisch aus. Er ist an keiner Stelle als Ganzes sichtbar. Wie oft in seinen überdimensionalen Skulpturen stellt Kapoor den Begriff von Innen und Außen in Frage und führt die Auffassung von Leere und Fülle ad absurdum. Denn eigentlich besteht seine Skulptur nur aus High-Tech-„Haut“ und Luft.

30 Arbeiter für den Aufbau

Vor der Montage durch die deutsche Firma Hightex, deren 30 Arbeiter und spezielle Schweißmaschinen eine Woche lang tätig waren, lag nur eine dunkelrote Masse auf dem Boden der Riesenhalle. Zur Demontage wird das Werk in vier große Teile zerschnitten und dem Künstler nach London geschickt. Da der französische Betreiber des Grand Palais, die Réunion des Musée Nationaux (RMN), nur Transport und Versicherung bezahlt, finanziert Kapoor das Werk selbst. Weitere Kosten übernehmen mehrere Mäzene.

Zurzeit hat Kapoor auch eine Ausstellung in der Pariser Galerie Kamel Mennour und in der Kapelle der Pariser Kunstakademie (Ecole nationale supérieure des Beaux-arts). Mennour bietet einen Überblick über das Werk der letzten 30 Jahre zu Preisen zwischen 400 und 16.000 Pfund. Schwerpunkte setzten seine Wandarbeiten mit Konkav-Spiegeln und architektonische Eingriffe in Wände. Die in der Kapelle der Kunstakademie aufgestellte Installation mit 16 Zement-Stelen erinnert an lechzende Zungen, Eingeweide oder Fäkalien. Sie soll 2,5 Millionen Pfund kosten. Eine Monumentalskulptur, die Mennour auf der letzten Fiac angeboten hatte, war mit 1,8 Millionen Euro veranschlagt.

Kommentare zu " Anish Kapoor: Im Bauch des Ungeheuers"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%