Anklage
1 200 gefälschte Giacometti-Skulpturen aus dem Verkehr gezogen

Hohe Kunstmarktpreise locken Fälscher auf den Plan. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat jetzt Anklage erhoben gegen vier Männer und eine Frau wegen banden- und gewrbsmäßigem Betrugs und Urkundenfälschung. Weit mehr als 1 000 gefälschte und sicher gestellte Bronzeskulpturen von Alberto Giacometti sollen nur die Spitze des Eisbergs sein.
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PARIS. Kunstfälschung ist heute die lukrativste Fälschung überhaupt. Die Fälscher bevorzugen Kunstwerke in limitierten Auflagen, wie Skulpturen oder Graphik, weil deren genaue Auflage nicht immer rasch zu ermitteln ist. Auf einen Schlag gleich 1 020 gefälschte Skulpturen von einem Bildhauer, noch dazu von dem Schweizer Weltrekordhalter Alberto Giacometti (1901-1966), in Mainz sicher zu stellen, war die außergewöhnliche Leistung der Kunstabteilung des Landeskriminalamts Baden-Württemberg auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Stuttgart im August 2009.

Im Vorjahr wurden ein 62-jähriger Mainzer Kunsthändler und seine 60-jährige Frau, sowie ein 59-jähriger Mann festgenommen. Die beiden Männer befinden sich seit dem 11. August 2009 in Untersuchungshaft. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelte mehr als eineinhalb Jahre lang und erhebt jetzt Anklage gegen fünf Personen (vier Männer und eine Frau), die Skulpturen von Alberto Giacometti inklusive Echtheitszertifikate fälschten und verkauften. Die Anklage lautet auf "mehrfachen banden- und gewerbsmäßigen Betrug und Urkundenfälschung". Das Strafgesetz sieht dafür eine Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren vor.

Höchstpreise für Giacometti

Alberto Giacomettis Bronze-Skulpturen sind überlängte, extrem dünne Gestalten, die der Raum gleichsam verzehrt. Schon vor dem Weltrekordpreis für die Skulptur "Der Schreitende", die Anfang Februar 2010 mit umgerechnet 74,2 Mio. Euro in London Auktionsgeschichte schrieb, zählt der Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti zu den Künstler- und Kunstmarktlegenden. Diesen Ruhm machte sich die Bande zu Nutze: der 59-jährige Angeschuldigte gab sich als "Reichsgraf von Waldstein" aus und erzählte interessierten Kunden, er sei mit Diego Giacometti, dem Bruder Albertos, befreundet gewesen.

Die Skulpturen würden aus einem geheimen Fundus des Diego Giacometti stammen. Was der "Reichsgraf" mit dem vorgelegten Buch "Diegos Rache", sowie mit gefälschten Echtheits- und Herkunftszertifikaten für die Skulpturen belegte. Auf den Bronzeskulpturen waren die Signaturen des Alberto Giacometti nachempfunden, sowie Gießermarken der Gießereien Susse, Alexis Rudier und Pastori.

"Diegos Rache"

Tatsächlicher Autor des Phantasiewerks "Diegos Rache" war der im Hintergrund wirkende Stratege, der Mainzer Kunsthändler. Er wurde bereits im Februar d.J. wegen banden- und gewerbsmäßiger Urkundenfälschung bezüglich 13 Giacometti-Skulpturen im Jahre 2000/2001 verurteilt. Diese erste Anklage ermöglichte die Querverbindung zu der Fälscherbande und die Sicherstellung von 1 020 Skulpturen und weiteren knapp 200 Skulpturen im Februar 2010 in Mannheim. Dort waren im Jahr 2007 sechs gefälschte Skulpturen in der Kunsthalle ausgestellt.

Spitze des Eisbergs

Die drei Angeschuldigten versuchten auch, in den Jahren 2008 und 2009 in einer New Yorker Galerie 300 Giacometti-Bronzen und 100 Gipsskulpturen zum Preis von 50 Mio. Euro abzusetzen. Einem verdeckten Ermittler des Landeskriminalamtes Stuttgart boten sie 17 Skulpturen für 1,3 Mio. Euro an. Generell lagen die Preise angeblich zwischen 40.000 Euro bis 35 Mio. Euro - ein weites Feld.

Vermutlich justierten die Betrüger die Preise nach Größe der Skulpturen und nach der Naivität der potentiellen Käufer. "Die inzwischen aufgefundenen gefälschten Skulpturen, wovon viele auch auf deutschen Auktionen abgesetzt wurden, sind nur die Spitze des Eisbergs der Fälschungen", meint Véronique Wiesinger, Direktorin der Pariser Stiftung Alberto et Annette Giacometti.

Die Untersuchung

Die Staatsanwältin Mirja Feldmann bestellte vier Sachverständige aus Frankreich zur Begutachtung der sichergestellten Skulpturen: Direktorin Véronique Wiesinger, die sämtliche gefälschte Skulpturen in Augenschein nahm, sowie die von Annette Giacometti zur Erstellung des Werkkatalogs designierte Leiterin des "Vereins Alberto et Annette Giacometti", Mary Lisa Palmer, und den vereidigten Sachverständigen und Laboratoriumsleiter Gilles Perrault, der die Bronzegüsse der Gießerei Alexis Rudier unter die Lupe nahm, sowie Hubert Lacroix, den Leiter der Gießerei Susse, die 80 Prozent der Giacometti-Skulpturen goss.

Vergleich der Rechtslage

Wenn die Anwälte der Angeschuldigten 95 Stehordner und 18 Kartons Beweismaterial eingesehen haben - das wird wohl noch einige Monate dauern - kann das Hauptverfahren eröffnet werden. Inzwischen plant Véronique Wiesinger gemeinsam mit Raimund Stecker, dem Direktor des Internationalen Skulpturenzentrum Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg, am 28./29. Oktober 2010 ein deutsch-französisches Kolloquium zum Thema "Bekämpfung von Skulptur-Fälschungen" in beiden Ländern. Eine löbliche Initiative im Rahmen der Kulturhauptstadt Duisburg, aber mehr als ein Vergleich der Rechtslage in beiden Ländern ist kaum zu erwarten.

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