Anselm Kiefer
Der Künstler als Wegweiser

Anselm Kiefer weist dem Ausstellungsbesucher in Venedig den Weg zur Läuterung. Wer für Kiefers Mystizismus nicht empfänglich ist, kommt dennoch auf seine Kosten. Die Schau ist ein Kunsterlebnis, nicht zuletzt dank der suggestiven Bühne, dem ehemaligen Salzlager der Lagune.
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VenedigKaum ein Ort eignet sich besser für Anselm Kiefers Kunst-Installation „Salz der Erde“ als die ehemaligen Salzlager von Venedig (bis 30.11.2011). Sie stammen aus dem 16. Jahrhundert. Seit zwei Jahren nutzt sie die Stiftung Vedova, die sich dem Vermächtnis des 2006 verstorbenen Malers Emilio Vedova annimmt und der Förderung zeitgenössischer Kunst. In den Hallen meint der Besucher den Geruch von Salz, Meer und Erde noch zu riechen.

Auf der Suche nach Harmonie

Das Flair vergangener Jahrhunderte weht dem Besucher entgegen, jene Zeit, in der sich Alchimisten der Gewinnung von Gold widmeten. Das passt zu Kiefer, der sich selbst mehr als Alchemist denn als Künstler versteht. Denn auch Kiefer sucht etwas, was über den Ruhm hinausgeht: Eine kosmische Harmonie, einen Heilsweg, weshalb er sich seit geraumer Zeit eingehend mit Transzendentalmythen und der mystischen Tradition des Judentums, der Kabbala, beschäftigt.

Steter Wandel

Das Angenehme daran ist, dass Kiefer klug genug ist, seine Werke nicht als letzte Weisheiten in den Raum zu stellen. Dem alchimistischen Prinzip treu will er sie als Prozess, als im Wandel begriffene Objekte verstanden wissen, als „Transmutationen“  nicht als Endstation. Dies bedeutet allerdings nicht, dass er die einzelnen „Wegweiser“, ihre Wirkung und Abfolge, nicht gewissenhaft erprobt hätte. Zu diesem Zweck baute der Maler in seinem 27 000 Quadratmeter großen Atelier, den einstigen Lagerhallen eines Warenhauses in Croissy- Beaubourg vor Paris, das venezianische Salzlager im Maßstab 1:1 nach.

Wo Blei ins Flattern kommt

Hier konnte der spirituelle Malermeister den Reifeprozess der Arbeiten überwachen, bevor er sie nach Venedig brachte. Vor allem den des mittleren Teils der Gesamtschöpfung, der der Schau den Namen gibt. Es handelt sich um große Folianten, die trotz ihrer bleiernen Schwere – den tatsächlich sind die Tafeln aus Blei – fast leicht wie im Winde flatternde Banner erscheinen. Sie hängen über den Stangen eines Gerüstes, das entfernt an einen Trockenständer erinnert. Kiefer hat die Bleitafeln, auf die er vorab Fotografien von Landschaften und Meeresansichten kaschierte,  einem chemischen Prozess ausgesetzt. Diese durch Elektrolyse hervorgerufene Korrosion macht den Inhalt der Bilder fast unkenntlich. Sie zersetzt die Materie nicht, sondern überzieht sie mit einer grünen Patina – dem Grün der Hoffnung.

Man kann, wie es der dicke Katalog von Germano Celant, tut, Destillation, Sublimation und Purifikation in die Werke hineingeheimnissen. Oder einfach nur schön finden, wie die Figuren am Horizont der Meeresansichten nur mehr schemenhaften hervortreten und der Fantasie freien Lauf lassen.

Der Ofen – das Grauen

Gleich eingangs steht Anathor, der spezielle Ofen, den die Alchemisten zur Veredlung der Metalle  verwendeten. Kiefer lässt über schwefliger Glut zwei Palmenzweige schweben. Der Ofen ist symbolisiert zugleich die Schuld, er steht für das Grauen, für die Gaskammern, für Nazi-Deutschland, ein Thema, das bei Kiefer (*1945) immer wiederkehrt. Am Ende von  Schuld - dem Ofen -  und Sühne - den bleiernen, sich wandelnden Tafeln - schwebt dann die Arche, ein rostfarbenes U-Boot, das aus den Tiefen des Meeres gen Himmel trudelt. Es strebt auf ein gleichschenkliges Dreieck zu, mit Erfolg, hat es sich doch schon bis zum Posten der Basis vorgearbeitet.

Kiefer lässt das Ende offen. Er ist sich noch nicht sicher, ob das Bötchen den sicheren Hafen der Ausbalancierung aller Gegensätze zwischen Himmel, Erde und Mensch erreicht.  Doch scheint er keine Zweifel zu hegen, dass die Kunst, der richtige, wenn nicht gar der einzige Weg dorthin ist.

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