Antiken
Alter Adelsbesitz blendet neue Sammler

So viel Herausragendes bot die New Yorker Antiken-Offerte gar nicht. Dafür aber sorgte das Marketing für viel Aufhebens um Stücke aus adeligem Besitz. Die Neueinsteiger unter den Sammlern ließen sich verführen.
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New YorkZwar boten die Antikenauktionen in New York nur wenige herausragende Werke an. Die Ergebnisse konnten sich jedoch sehen lassen. Geschicktes Marketing um adelige Provenienzen des 18. Jahrhunderts katapultierte bei beiden Häusern römische „Grand Tour“-Stücke zu Starobjekten hoch.

Den zahlreichen Neueinsteigern vermittelt eine bedeutende Sammelgeschichte das Gefühl einer gewissen Sicherheit, das sie in Heller und Pfennig belohnen. „Es ist ein neuer Markt“, bestätigt der Kölner Antikenhändler Gordian Weber. So setzte Christie’s am 9.6.2011 auf „Wilton House Apollo“, „De Clercq Pan und Hermaphrodit“ oder die charmante „Hope Isis“ (1. bis 2. Jahrhundert). Die hatte vor sieben Jahren bei Sotheby’s ihren letzten Marktauftritt. Damals genügte noch die vage Katalogisierung „Göttin (genannt Isis)“ und eine Taxe von 30.000 bis 40.000 Dollar. Sie wurde von der Kunsthandlung Phoenix Ancient Art (Genf/New York) bereits auf 209.600 Dollar vervielfacht. Nun brachte weitere Provenienzforschung mit besonderer Betonung des Vorbesitzers Thomas Hope, ein wichtiger englischer Antiquar und Möbeldesigner vom Ende des 18. Jahrhunderts, Christie‘s gleich 962.500 Dollar ein. Die Statue wurde von einem „Internationalen Sammler“ erworben, der sich noch vier weitere prominente Topstücke sicherte.

Der Rüpel Pan war zu hoch geschätzt

Dagegen half der Vorbesitz des französischen Fotografen und bedeutenden Sammlers Louis de Clercq einer ziemlich unattraktiven römischen Gartenskulptur nicht weiter. Die unveröffentlichte Erwartung von 1,5 Millionen Dollar für den angetrunkenen rüpelhaften Gott Pan und Hermaphrodit war einfach zu hoch gegriffen.

 

Sotheby’s machte am 8.6. wiederum großes Aufhebens um die Herkunft von zwei römischen Sarkophagreliefs. Sie hingen einst in der berühmten Skulpturensammlung des Londoner Lansdowne House, die Lord Shelburne 1771 als vielleicht beste Sammlung des Landes zusammengetragen hatte. 1930 wurde sie in alle Winde zerstreut, vieles befindet sich heute in wichtigen internationalen Museen. Für das großformatige Sarkophagrelief mit der dramatischen Darstellung des Raubes der Persephone (190-200 n. Chr.) bewilligte ein Telefonbieter 1,87  Millionen Dollar. Die Taxe lag bei 400.000 bis 600.000) Dollar.

Gerangel um einen strubbeligen Denker

Aus derselben Quelle stammt auch das Relief von einem römischen Musensarkophag (um 250 n. Chr), das taxgerechte 434.500 Dollar einbrachte. Begeistert stritt sich die Branche dagegen um einen seltenen römischen Marmorkopf eines griechischen Dichters (um 1. Jahrhundert), der als Pseudo-Seneca oder Hesiod bezeichnet wird. Phoenix Ancient Art konnte das Gerangel um den strubbeligen Denker bei angemessenen 1,7 Millionen Dollar für sich entscheiden.(Taxe: 300.000-500.000).

Marktfrische kurbelte Preise für griechische Vasen bei Sotheby’s gehörig hoch. Das hochbetagte amerikanische Künstlerehepaar Sideo Fromboluti und Nora Speyer kann für eigene Gemälde auf Auktionen nur um 1.000 Dollar erlösen. Beim Erwerb von Dutzenden griechischer Vasen hatten sie in den 1960ern und 70er Jahren jedoch ein gutes Auge bewiesen. Allein 512.500 Dollar brachte ihnen nun der rotfigurige Wasserbehälter Hydria (um 375-50 v. Chr.) ein. Geschätzt war er auf 70.000 bis 100.000 Euro. Der Dekor wird dem bedeutenden attischen Marsyas-Maler zugeschrieben, der für weibliche Aktdarstellungen bekannt ist. Die Vase trägt den Vorbesitz des einflussreichen amerikanischen Archäologen Hagop Kevorkian.

Gesamtumsatz:

Sotheby’s: 11,3 Millionen Dollar brutto für 88 Lose, 8.6.

Christie’s: 10,35 Millionen Dollar brutto für 141 Lose, 9.6.

Losbezogene Verkaufsquote:

Sotheby’s: 89,8 Prozent

Christie’s: 70 Prozent

Wertbezogene Verkaufsquote:

Sotheby’s: 93,9 Prozent

Christie’s: 73 Prozent

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