Antiquariat: Lenin im Leporello

Antiquariat
Lenin im Leporello

Die Preise für Antiquariatswerke sind nach oben offen. Das beweist die diesjährige Messe in Stuttgart: Altbekannte und Neulinge präsentieren dort ihre Bestände, für die auch mal sechsstellige Summen fällig werden.
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BerlinDie älteste und größte Antiquariatsmesse Deutschlands öffnet an diesem Wochenende ihre 52. Ausgabe im Württembergischen Kunstverein. Mit der Stuttgarter Antiquariatsmesse und ihrer kleinen Schwester, der Antiquaria in Ludwigsburg, beginnt wie jedes Jahr die Saison der Buchfreunde. Unter den 78 Teilnehmern sind dieses Jahr gleich fünf Neuzugänge aus dem Ausland, zwei aus Großbritannien, zwei aus Italien und einer aus Österreich. Einer von ihnen, Leo Cadogan aus London, hat mit dem einzigen nachgewiesenen Exemplar einer südniederländischen Darstellung des "Perfekten Mönchs" ein deutendes Zeugnis abendländischer Frömmigkeit dabei (5.000 Euro). Hier erlebt der Mönch Christi Qual am Kreuz stellvertretend nach. Währenddessen präsentiert der ebenfalls neue Kollege Giuseppe Solmi Studio Bibliografico aus Bologna einen arabisch illuminierten Koran, der Ende des 18. Jahrhunderts in Indien entstanden ist (4.800 Euro).

Das teuerste Werk bietet wie immer Heribert Tenschert aus der Schweiz an: das erste Manuskript der "Fiore di Virtù" mit einer Anleitung zum Benehmen von hohen städtischen Beamten in Modena, entstanden um 1340. Das Werk war Vorbild für spätere Handschriften und ist auf 27 Blatt mit 37 Miniaturen versehen. Der Preis beträgt 780.000 Euro.

Wie üblich ist das Angebot botanischer Literatur ausgesprochen vielfältig. "De historia et causis plantarum" des Aristoteles-Schülers Teophrastus gilt als erstes Werk der wissenschaftlichen Botanik. Die erste Ausgabe der lateinischen Übersetzung von Theodorus Gaza, gedruckt 1483 in Treviso, ist denn auch das Prunkstück bei Meda Riquier Rare Books aus London, das für 45 000 Euro zu haben ist. Einen hautnahen Einblick in die erst im späten 19. Jahrhundert in Fahrt gekommene Bereisung des afrikanischen Binnenlandes durch europäische Forscher gibt das handschriftliche Tagebuch von Paul Gierow aus den Jahren 1877/78, das Eberhard Köstler aus Tutzing für 7.500 Euro anbietet.

Der Moderne hat sich in diesem Jahr die Antiquaria in der Ludwigsburger Musikhalle verschrieben, die im Beinamen das Schwerpunktthema "fotografica" trägt. Direkt in den Deutschen Herbst der Bundesrepublik steigt das Antiquariat am Mehlsack aus Ravensburg ein. Das erste Fahndungsplakat des neu gegründeten Bundeskriminalamts, auf dem noch "Anarchistische Gewalttäter" statt der RAF gesucht wurden, belegt Zeitgeschichte und dürfte wohl bei jedem Westdeutschen Erinnerungen wachrufen (400 Euro). Dass die Avantgarde auch in Köln einmal eine Heimstatt hatte, beweist das Architektur-Antiquariat Petra Bewer aus Stuttgart (das die Messe organisiert) mit einem von El Lissitzky als Leporello gestalteten Katalog des Pavillons der Sowjetunion auf der Internationalen Presse-Ausstellung im Jahr 1928 (4.500 Euro).

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