Antiquariatsmessen
Die ganze Welt in einem Buch

Jedes Jahr im Januar pilgern die Liebhaber antiquarischer Bücher und Papierarbeiten in den deutschen Südwesten. In Stuttgart lockt die Antiquariatsmesse und in Ludwigsburg die Antiquaria. Sie haben alles, was das Herz begehrt: vom frühen Buchdruck über seltene Erstausgaben, graphische Meisterwerke bis zur avantgardistischen Buchkunst.
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StuttgartAuch Bücher werfen Kapital ab. Keinem Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe verdanken wir diesen Gedanken. „Man fühlt sich wie in der Gegenwart eines großen Capitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet“, schrieb er 1801, und hatte dabei keineswegs sein Vermögen oder die Staatsfinanzen im Blick, sondern eine Bibliothek. Dem Verband Deutscher Antiquare lieferte der Dichter damit – wenige Wochen vor der Stuttgarter Antiquariatsmesse (24. bis 26. Januar 2014) – ein schönes Stichwort, das der Verband allerdings umgehend um den Hinweis auf die Dauerhaftigkeit dieses, aus großem Kapital gewonnenen Wertes erweiterte. Das passt in diese Zeit, in der die Kunst als eine der letzten wertstabilen Bastionen in einer finanzmarktgetriebenen Weltordnung angesehen wird.

Mit 81 Ausstellern hat die 53. Ausgabe dieser Messe wieder an Umfang und auch an internationalen Teilnehmern zugenommen. Mit Stolz pocht der Veranstalter darauf, zweitälteste Messe Europas zu sein und die älteste und größte Messe für Antiquare, Autographen- und Graphikhändler in Deutschland. Davon profitiert auch die traditionell annähernd zeitgleich stattfindende Antiquaria im nahen Ludwigsburg, vor allem aber der Messebesucher, der auf diese Weise die Offerten von insgesamt 150 Anbietern prüfen kann.

Digitalisierung im 19. Jahrhundert

Höhepunkt der bibliophilen Kostbarkeiten ist eine illustrierte Luther-Bibel aus dem Jahr 1561, die als einziges bekanntes Pergamentexemplar der Edition in den Handel gelangte. Angeboten wird sie von Heribert Tenschert und seinem Antiquariat Bibermühle für 980.000 Euro. Im bemerkenswerten Kontrast dazu steht das erste digital hergestellte Buch, zu finden auf dem Stand des Zürcher Antiquariats Hellmut Schumann. Das sogenannte „Livre de Prières“ wurde 1886/87 aus silberner und schwarzer Seide mit Hilfe des von Jacquard für Webstühle entwickelten Lochkarten-Systems gewoben, dem Vorgänger des Computerprogrammierens. Kostenpunkt 32.500 Euro.

Buchgeschichtlich ebenso interessant wie schön anzusehen ist die gelbgrundige Weltkarte aus Hartmann Schedels Buch der Chroniken und Geschichten. An den Illustrationen dieses Kompendiums, das die ganze, Ende des 15. Jahrhunderts bekannte Welt vereinigen sollte, arbeiteten viele damals bekannte Künstler mit. Insgesamt enthält die von Peter Kiefer für 120.000 Euro angebotene Ausgabe über 1.800 altkolorierte Textholzschnitte und zwei doppelblattgroße Karten.

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Die ganze Welt in einem Buch

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Betörende Tulpe

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Verbotene Kunst

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