Antiquariatsmessen
Erotische Aufzeichnungen

Die Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg sehen nach sehr guten Verkäufen mit Zuversicht in die Zukunft. Gute Resonanz erntet der Schwerpunkt auf weibliche Themen und Ausstellerinnen.
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Stuttgart, LudwigsburgEin erfreuliches Fazit ziehen die "Antiquariatsmesse" in Stuttgart und die "Antiquaria" in Ludwigsburg, die am vergangenen Wochenende zu Ende gingen. „Die exzellenten Verkaufs- und Besucherzahlen“ animieren den die Antiquariatsmesse organisierenden Verband Deutscher Antiquare sogar zur einer positiven Prognose für das kommende Jahr.

Die Frauenquote ist ein umstrittenes Thema, doch die deutschen Antiquare gingen es pragmatisch an. Beide Messen hatten unter dem augenzwinkernden Motto „Es gibt sie noch, die guten alten Vorurteile“ die weiblichen Aussteller in den Blickpunkt ihrer aktuellen Ausgaben genommen. Tatsächlich sind Frauen in dem Berufsstand deutlich unterrepräsentiert; nur knapp 20 Prozent der Mitglieder des Verbands Deutscher Antiquare sind weiblich, bei den 130 Ausstellern sind es mit 14 sogar nur gut zehn Prozent. Sie werden auf den Internetseiten beider Veranstaltungen in Interviews vorgestellt.

Erscheinung auf der Zunge

Die kleinere „Antiquaria“ in der Musikhalle Ludwigsburg hatte das Thema Frauen auch als Motto für die jüngste Ausgabe gewählt. Passende Exponate sind im Katalog mit einem kleinen Symbol gekennzeichnet. Das bizarrste Stück aus diesem Bereich ist die Lebensbeschreibung der österreichischen Nonne Agnes Blannbekin. Die 1250 geborene Begine hatte ungewöhnliche Visionen und Ekstasen, unter anderem die, dass ihr während der Kommunion die Vorhaut Jesu (sanctum praeputium) auf der Zunge erschien. Ihr Beichtvater hatte die Erscheinungen ab 1290 aufgezeichnet. Eine im 18. Jahrhundert in einer Wiener Bibliothek wiederentdeckte Abschrift wurde 1731 von dem Benediktiner Bernhard Pez als Buch herausgegeben. Nicht völlig überraschend landete das Werk umgehend auf dem Index, die noch greifbare Auflage wurde vernichtet. Eines der wenigen erhaltenen Exemplare kostet bei Bernd Braun aus Gengenbach 1.500 Euro.

Künste der Koketterie

Etwas neuzeitlicher ging es bei Michael Kühn aus Berlin zu. Er spannte den Bogen von der ersten korrekten Beschreibung des weiblichen Skeletts durch Samuel Thomas von Soemmering („Tabula sceleti feminini“, Mainz 1797, 1.600 Euro) über eine Mappe mit Bauhausfotos von Marianne Brandt (Abzug 1993, 2.800 Euro) bis hin zu 15 fotografischen Selbstporträts von Linda Benedict-Jones von 1976 (Ed. 10, Galerie Violet, Amsterdam, 2.400 Euro). Traut Rheingolds „Das schwarze Buch der geheimnisvollen Künste der Koketterie“, um 1890 vom Dresdener Versandhaus Lebensglück verlegt, ist schon für 160 Euro zu haben.

Gleich sämtliche Katalogbeiträge des Stader Kunst-Buch-Kabinetts tragen das violette Zeichen, darunter ein als Privatdruck 1946 erschienener gewidmeter Katalog der Sammlung von „Mutter“ Ey für 1.280 Euro. Den schönen Schein vertritt Johann Anton Schantl aus Wien. Sein Auftritt rückt Einbände in den Mittelpunkt, etwa einen Kalblederband der Stettiner Kunstgewerbeschule von 1929. Der schlichte, schwarze Einband mit Streifen in Rot und Gold birgt eines von 50 Exemplaren der Vorzugsausgabe von Karla Königs „Von den Bergen des Lebens“ zum Preis von 3.500 Euro.

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