Antiquitäten: Gegen den Trend und schnelle Moden

Antiquitäten
Gegen den Trend und schnelle Moden

In London vermehren sich die Kunst- und Antiquitätenmessen wie Pilze. Zu den originellsten und stilvollsten gehört die BADA in der Nähe des Sloane Square. Hier finden Liebhaber sogar Kunst aus deutschen Schützengräben des Ersten Weltkriegs.
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LondonAquarelle und Gouachen von Albert Heim sind unter den Überraschungsfunden auf der Verbandsmesse der britischen Kunsthandelsverbands British Antique Dealers Association (BADA). Der Schwabe begleitete als Kunstmaler zwei Jahre lang bis 1916 die 51. Reserve-Infanterie-Brigade der Königlich-Württembergischen Armee unter General Theodor Wundt beim Stellungskrieg an der Somme. Der Künstler dokumentiert das alltägliche Leben in den Schützengräben in einer für unsere an Schwarzweiß-Dokumente des Katastrophenkriegs gewöhnten Augen ungewohnten Sicht; farbig, mit kraftvollen Konturen, eine seltsame  Mischung von Kameradenidylle, Humor und verstecktem Horror. Vorne steht das Regimentsfaktotum „Baul“ und blickt über die Landschaft, hinten schlagen die Granaten der Briten ein.

Zu sehen sind diese Aquarelle am Stand von Abbott and Holder, dessen Direktor Philip Athill das Konvolut von fast 80 Aquarellen bei Bonhams ersteigerte, wo es aus amerikanischem Familienbesitz von Nachkommen Wundts eingeliefert wurde. Die Blätter werden nun einzeln für Preise zwischen 750 und 2.000 Pfund verkauft.  Ein ungewöhnliches künstlerisches Dokument, für das sich eigentlich ein deutsches Museum hätte interessieren müssen.

Fundgrube für Stilvolles

Im Getümmel der Londoner Messen, die sich wie Pilze vermehren, bleibt „die BADA“ bei der Saatchi Galerie in der Nähe des Sloane Square eine der beliebtesten, stilvollsten und zugänglichsten. Sie ist auch in diesem Jahr wieder eine Fundgrube für Sammler, Trendverweigerer und Liebhaber des Unmodischen. Trouvaillen wie das „Wilby House Casket“, ein fantastisch frisch erhaltenes, mit figurativen Stickarbeiten dekoriertes Kästchen von ca. 1665 bei Witney Antiques oder ein englischer Alabasteraltar des 15. Jahrhunderts mit Christus in der Glorie (75.000 Pfund bei Strachan Fine Art) könnte man auch in Maastricht finden. Anderes, wie Venedigansichten des 19. Jahrhunderts bei Willow Antiques, eher nicht. Preisgekröntes Prunkstück der Messe ist  ein mit vergoldetem Gesso (Stuck) dekorierter Damentisch (low boy) der Queen Anne Periode, der bei Mackinnon Fine Furniture 200.000 Pfund kostet.

Silber auf dem Rückzug

An der Geschmacksfront sind englische Möbel und Silber aber auf dem Rückzug, nur bei den Händlern der Großuhren scheint alles stabil weiterzuticken. Raffetty hat eine Claudius Du Chesne-Bodenstanduhr der Queen Anne-Periode mit Monatslaufwerk für 70.000 Pfund. Spazierstöckchen – bei Geoffrey Breeze – sind im Kommen. Und überall Bilderhändler mit schöner Ware der zweiten Reihe, wie bei dem ganz der europäischen Italiensehnsucht gewidmeten Stand der Zeichnungshändlerin Julia Korner. Ein Paar Einwohner des Veneto in Trachten, wie sie Amerikaner aus dem Kreis von Albert Bierstadt in Italien im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts als Souvernirs anfertigten, sind für 9.000 Pfund zu haben.

Revival des Vogelaquarells

Auffallend ist auch die Renaissance des Blumen- und Vogelaquarells. Eine neue Generation von Künstlern bringt die Kunst von Maria Merian und  J. J. Audubon ins 21. Jahrhundert. Eine großformatige Papierarbeit mit einem fliegenden Fasan von Steven Prowol hat zeitgenössische „Wall-Power“ und kostet bei Jonathan Cooper 18.000 Pfund.

Die BADA läuft bis 19. März im Duke of York Square, London.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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