Antiquitäten
Verkannter Tisch wird erneut versteigert

2012 versteigerte das Dorotheum den Nachlass eines Kinsky-Fürsten. Dazu gehörte ein Boulle-Tisch mit einer exquisiten Steinschneidearbeit. Das Ensemble kommt nun mitsamt kompletter historischer Dokumentation bei Sotheby’s in London unter den Hammer.
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WienEin „sensationeller Erfolg“ an einem „fulminanten Abend“; das Dorotheum in Wien geizte Ende Februar 2012 nicht mit Superlativen, als der Nachlass Franz-Ulrichs, des 2009 verstorbenen elften Kinsky-Fürsten versteigert worden war. Die Verkaufsquote belief sich auf beachtliche 96 Prozent und statt erwarteter 500.000 (untere Schätzwertsumme) summierten sich die Besitzerwechsel auf 1,74 Millionen Euro (inkl. Aufgeld).

Den höchsten Zuschlag hatte man für einen auf moderate 20.000 bis 30.000 taxierten „Boulle-Prunktisch“ (in „gepflegtem Zustand“) notiert, der von dem für die Bearbeitung des Kinsky-Nachlasses verantwortlichen Experten um 1840/50 datiert und der „Fa. Leistler“ (Carl Leistler & Sohn), zugeschrieben worden war. Die „Porphyrplatte“ beschrieb Alexander Docy schlicht: „mit figürlicher Darstellung eines Frühstücksgeschirrs“.

In den Tagen vor der Auktion führte die von internationalen Fachleuten als unzureichend eingestufte Katalogisierung der Pietra-Dura-Platte zu einiger Aufregung, die wiederum dem Einbringer zu Ohren kam. Dieser solle gar gedroht haben, das Möbel zurückzuziehen, wovon ihn, dem Vernehmen nach, eine vom Dorotheum zugestandene Verkaufsgarantie abhielt.

Verkannte Pietra-Dura-Platte

Im Zuge der Versteigerung war Lot Nr. 102, die Pietra-Dura-Arbeit betreffend, um Literatur-, Herkunftsangabe (vermutlich Antonio Cioci, Florenz) und Datierung (um 1790) mündlich ergänzt worden. Auf Anfrage erklärte der Experte damals, dies gewusst zu haben: Jedoch habe er „die Platte als kitschig“, wenn auch „besser als das Gestell“ befunden. Nachsatz, den Endpreis regle ohnedies der Markt. Vordergründig fand dies insofern statt, als der Boulle-Tisch für netto 130.000 Euro (Kaufpreis 156.800) in den Pariser Kunsthandel wechselte.

Nun taucht das Möbel im exquisiten Sortiment des am 9. Juli 2014 bei Sotheby’s in London anberaumten „Treasures Sale“ auf, taxiert auf bis 185.000 bis 307.000 Euro, mitsamt der vom Pariser Kunsthändler und den Londoner Experten komplett recherchierten historischen Dokumentation. Im Archivio di Stato in Florenz fanden sich eine detaillierte Beschreibung der Pietra-Dura-Platte, Arbeitsprotokolle und sämtliche Namen der involvierten Kunsthandwerker, die zugehörige Rechnung und damit auch die exakte Datierung 1793.

Nicht nur das, konnte auch der höfische Auftraggeber identifiziert werden: niemand geringerer als Ferdinand III. aus dem Hause Habsburg-Lothringen (1769-1824), Großherzog der Toskana sowie Kurfürst von Salzburg (1803-1806) und Großherzog von Würzburg (1806-18-14). Im Herbst 1793 war „Principe Ulrico Kinshij“ (1749-1797) das Geschenk geliefert worden.

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