Artissima
Nachdenkliche Kunst setzt Akzente

Messen für zeitgenössische Kunst sind immer für viel versprechende Trends und sensationelle Entdeckungen gut. Auf der Artissima in Turin geht es in diesem Jahr jedoch eher leise zu. Die Krisenstimmung hinterlässt ihre Spuren. Kunst mit gesellschaftskritischem Anspruch bekommt so eine Chance.
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TurinDie Turiner Kunstmesse „Artissima“ bietet in diesem Jahr kein buntes, fröhliches Bild der Welt. Was die 190 internationalen Aussteller schwerpunktmäßig zeigen, passt zur eher gedämpften Stimmung und ist gerade deshalb reizvoll: Kunst, die leise aber eindringlich zum Nachdenken anregt. Als Schlusslicht einer Saison, in der eine Messe die andere jagt, auf der Suche nach immer neuen Trends und eklatanten Entdeckungen, klingt in Turin der Zweifel an, ob nicht alles schon einmal da gewesen ist. Eine gewisse Müdigkeit, ja Erschöpfung, scheint sich breit zu machen, obwohl die Messe in ihrer luftig leichten Ausstattung mit den großzügig und offen angelegten Kojen im Oval des Lingotto alles dafür tut, die Kunst lebendig und verlockend darzubieten.

Die Artissima hält an ihrer bewährten traditionellen Aufteilung in vier Bereiche fest. Die Übergänge zwischen den einzelnen Bereichen hat sie jedoch fließender als früher gestaltet. Der Besucher merkt kaum, wenn er sanft von der Sektion „Present Future“, die der zukunftsweisenden Gegenwartskunst gewidmet ist, in den Bereich „Back to The Future“ gelangt, in dem Klassiker der jüngsten Vergangenheit wieder entdeckt werden. Die Rückbesinnung auf vergangene Kunstströmungen ist eben keine sterile Stilübung, wird suggeriert, sondern streckt ihre Fühler in die Gegenwart aus.

Kulturelle Übermannung

Den vielversprechenden Auftakt der 25 Teilnehmer starken Present Future-Fraktion bildet die malaysische Künstlerin Yee I-Lann in der Galerie Map Kl aus Kuala Lumpur. Die Vergangenheit der Kolonialzeit ist das Thema ihrer ihrer „Picturing Power“ und „Tabled“ betitelten Installation. Um eine fürstlich gedeckte Tafel in der Mitte des Standes erzählen rundherum an den Wänden graphisch wirkende Schwarzweißfotografien vom Kolonialismus, von der Ankunft der Herren der Welt, der Vermessung des Landes, der kulturellen Übermannung der Ureinwohner, die sich am Ende dem Weltbild der Fremden fügen und es zu ihrem eigenen machen. Die Bilder prangern nicht an, sie zeigen voller Ironie den Stand der Dinge auf. Die Fotografien kosten 6.000 Euro, die gedeckte Tafel 13.000 Euro.

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Ein Sack spanische Erde

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