Art Basel
Das Salz in der Suppe

Die Art Basel ist eine Messe, die auf Mainstream getrimmt wird und immer wieder dieselben Künstlerstars serviert. Wem das zu langweilig oder zu teuer ist, kann in den Spezialabteilungen noch Entdeckungen machen.
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BaselDer Hype um einen kleinen Kanon der immer selben Künstler und Künstlerinnen und die globale Nachfrage nach „brands“ in der Kunst führen zu einem zunehmend gleichförmigen Angebot auf allen Messen der Welt. Damit das nicht so augenscheinlich ist, werden zwar lokale Kräfte eingebunden, die für Kolorit und Unterscheidungsmerkmale sorgen. Doch letztendlich sind es ein paar Dutzend Galerien, die mit den sechs- und siebenstelligen Preisen ihrer Stammkünstler das große Rad drehen und entscheidend sind für die jeweilige Messe.

Der Kunstfreund, dem das zu vorhersehbar und zu kostspielig erscheint, der sucht nach Talenten am Anfang ihres Markterfolges, nach Wiederentdeckungen der sogenannten „hidden treasures“ oder eine Kunstrichtung, die abseits des Mainstreams gedeiht. Die Art Basel läuft noch bis Sonntagabend und feiert wie zu erwarten überwiegend Kunstmarkt-Kunst. Doch in Spezialabteilungen auf kleineren Flächen bindet sie ein, was gut ist fürs Image. Das Salz in der Suppe findet der Kunstfreund buchstäblich am Rand der Halle 2.1. Hier kann der Flaneur Entdeckungen machen, die kunsthistorisch-ästhetisch von eminenter Bedeutung sind – und gar nicht teuer, verglichen mit den Preisen der Shootingstars der zeitgenössischen Kunst.

Beispiel eins. Der Graphikhändler Jörg Maaß überrascht den Besucher mit einer feinsinnig zusammengestellten Max-Beckmann-Schau, die dem Betrachter den Künstler erstaunlich nahe bringt. Das liegt u.a. an der Reihe der schonungslosen Selbstporträts. Darunter ist eines, das ihn seelisch schwer verwundet im Ersten Weltkrieg zeigt, in einer Pose, als wäre er bereits gestorben. In einer Kaltnadel-Radierung von 1916 zeigt er sich klassisch als Maler-Brustbild, aber nervös, unnachgiebig forschend und in einem raren Zwischenzustand zwischen dem ersten und dem zweiten Druck - noch mit den durchdringenden Augen (75.000 Euro).

Ebenfalls an Kenner wenden sich Zustandsdrucke aus der Sammlung des Beckmann-Verlegers Reinhard Piper. „In der Trambahn“, 1922 vom Künstler selbst gedruckt, hat Fingerabdrücke und ist weniger „clean“ als der Auflagendruck. Der erste Zustand kostet 24.000, der Auflagendruck 8.000 Euro. Auch hier hat sich der Künstler einen Platz im Bild zugewiesen, diesmal mit Verband über der Nase.

Max Beckmann zeichnete auch, wenn er mit Freunden einen trinken oder tanzen ging. Davon zeugt ein eilig zusammengeschlagenes Tuscheblatt aus dem Frankfurter Kaiserkeller, auf dem er ältere Paare beim Schwofen charakterisiert: Den Schieber, die distanzierten Tänzer und den schwer angeheiterten Hampelmann. Für das mit einer Widmung an seine Freunde, das Ehepaar Loeb, versehene Blatt erwartet der Kunsthandel Jörg Maaß 64.000 Euro. Nicht minder gut sortiert sind die Cabaret- und Welttheater-Blätter. Eine One-Man-Schau, die ihres gleichen sucht, nicht nur auf der Art Basel.

Beispiel zwei. Die Konrad Fischer Galerie bringt auch weniger bekannte Künstlerinnen mit, neben Stammkünstlern, die mittlerweile schon Marktlieblinge geworden sind, etwa der Minimalist Carl Andre oder der Fotokünstler Thomas Ruff.

Von der gerade für die Venedig-Biennale von Christine Macel ausgesuchten, viel zu wenig bekannten Belgierin Edith Dekyndt sind kleinere „Bilder“ an der Wand bemerkenswert. Mit minimalistischen Eingriffen führt Dekyndt die malerische Qualität einer durchsichtigen, leicht gebogenen Form aus honiggelbem Harz vor Augen, die durch eine Art Kraquelée rhythmisiert wird. Für „The Kingdom“ nimmt sie ein Schaffell. Edith Dekyndt nimmt dem lockigen Haar die Urwüchsigkeit und tackert es dicht an dicht in strengen Reihen nieder (14.000 Euro netto). Bei so viel mit Eisenklammern gemaßregelter Natur kommen wir ins Grübeln über die Kräfte, die wirken – im Bild und in der Gesellschaft.

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