Arts' n' Drafts: Die Angst der Selbstdarsteller in der Kunstwelt

Arts' n' Drafts
Wie der Kunstmarkt tickt

  • 0

Die Angst der Selbstdarsteller in der Kunstwelt

Lorenzo Rudolf, früher Messedirektor bei der Art Basel und Gründer der Art Stage Singapore, erzählt stolz und lang von einer Heldentat: Wie er vor 25 Jahren (!) das Aussteller-Komitee der Messe in Basel entthront habe. Nichts als Ego-Pflege betreibt auch die inzwischen verstorbene Star-Architektin Zaha Hadid. Allan Schwartzman kennt so viele Sammler, geheime Wünsche und Kniffe aus Erfahrung. Doch der Gründer von Art Agency konstatiert in diesem Frage-Antwort-Spiel lediglich, dass die meisten Sammler dem Herdentrieb folgten und Vision selten sei.

Bei so viel Less-is-more-Haltung beginnt sich bei der Leserin Enttäuschung einzustellen. So misslich Venedigs ökologische Zukunft auch ist, die Anna Somers Cocks, Gründerin des Art Newspapers, zu Recht beklagt. Auch die Publizistin, die viele Geheimnisse kennen dürfte, weil sie den Protagonisten des Kunstmarktes nahe kommt, gibt Girst und Resch einen Korb und zieht sich kultiviert aus der Affaire. Galeristin Esther Schipper konstatiert trocken, dass es keine Geheimnisse gäbe, weil Erfolg in der Kunst aus harter Arbeit bestehe: „We live in post-heroic times“.

Zwei Entlarvungen lassen sich dann doch noch aufstöbern in dem 144-Seiten-Büchlein aus dem Verlag Koenig Books London (9,95 Euro). Isabelle Graw, Herausgeberin der Zeitschrift „Texte zur Kunst“, sieht, dass hinter der Selbstdarstellung der Kunstwelt nichts als Angst stehe: Angst, die soziale Stellung zu verlieren oder als weniger kompetent entlarvt zu werden, als es den Anschein hat. Damit dürfte sie ganz richtig liegen.

Den mutigsten Beitrag schickt Cristina Ruiz. Die Herausgeberin von The Art Newspaper spricht eine zwar allgemein bekannte, gern verdrängte Erfahrung aus: Was heute gepriesen wird, ist morgen wahrscheinlich vergessen. „Almost all art made and sold today will one day be worthless.” Die Statements von Ruiz und Graw sind keineswegs neu, berühren aber Tabus. Sie werden höchst selten ausgesprochen und von denen, die vom Geschäft mit der Kunst leben, tunlichst mit Partylärm und Klingeln von Champagnergläsern übertönt. The Show must go on.

"100 SECRETS OF THE ART WORLD. Everything you always wanted to know about the arts but were afraid to ask." Hg. Thomas Girst & Magnus Resch, Design: Studio Umlaut, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2016, 144 S. mit 8 Abb., broschiert, 9,95 Euro. ISBN: 978-3-86335-961-4

Seite 1:

Wie der Kunstmarkt tickt

Seite 2:

Die Angst der Selbstdarsteller in der Kunstwelt

Kommentare zu " Arts' n' Drafts: Wie der Kunstmarkt tickt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%