Bestandsaufnahme Gurlitt
Plädoyer für mehr Austausch

Internationale Allianzen werden auch im Kunstbetrieb immer wichtiger. Über die Notwendigkeit der strategischen Vernetzung vor dem Hintergrund der Doppelausstellung zum Kunstfund Gurlitt in Bern und Bonn.
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DüsseldorfMit dem Generationenwechsel ändern sich nicht nur Haltungen zu politischen Fragen. Heute etwa stehen Gesetze und Verjährungsfristen nicht mehr über dem Unrecht, das jüdischen Sammlern durch Verfolgung und Enteignung im Nationalsozialismus angetan wurde. Heute überwiegt bei staatlichen Institutionen die moralische Verpflichtung zu Restitution und Anerkennung der deutschen Schuld. Dank der Globalisierung und der gewachsenen Bereitschaft zu teilen, der "shared economy", leiht man sich heute kurzfristig nicht nur Bohrmaschinen und Autos. Digitale Datenbanken zu geraubten und beschlagnahmten Kunstwerken, zu Sammler-Viten und Museumslücken sorgen für weltweiten Austausch von Wissen und wissenschaftlicher Recherche.

Auch in Museen ist das Teilen mittlerweile wichtiger geworden als der alleinige Besitz. Schließlich kann eh immer nur ein Bruchteil des Bestands gezeigt werden. Mit der Sammlung des Galeristen Rolf Ricke fing es 2006 an. Dessen exquisite Sammlung von Postminimal Art und Process Art erwarb die Drei-Länder-Gemeinschaft, das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, das Kunstmuseum St. Gallen und das Kunstmuseum Liechtenstein, gemeinsam. In Kürze werden zwei deutsche Museen zusammen mit einem tschechischen und einem polnischen Museum eine hochbedeutende Dauerleihgabe zur internationalen Gegenwartskunst von einem Sammler zur Verfügung gestellt bekommen. Ein wichtiges Zeichen in kulturpolitisch nationalistisch ausgerichteten Ländern.

Erstmals haben jetzt die Bundeskunsthalle und die Stiftung Kunstmuseum Bern länderübergreifend gearbeitet. Ein wissenschaftlicher Beirat stützte beide Häuser, der Katalog ist gemeinsam konzipiert worden, der Bonner Teil zum NS-Kunstraub wird in Bern gezeigt und 2018 soll er zusammen mit dem Berner Kapitel zur „Entarteten Kunst“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin präsentiert werden. Doch nicht alle Möglichkeiten der Vernetzung werden beim Thema Gurlitt genutzt. So berichtet Elisabeth Nowak-Thaller, Vizedirektorin des Lentos Museums in Linz, dass ihre Bewerbung um eine Ausstellungsübernahme so gut wie chancenlos sei. Doch sie würde gut passen. Denn das Museum mit dem keltischen Namen für Linz hieß einst „Neue Galerie der Stadt Linz – Wolfgang Gurlitt Museum“.

Wolfgang Gurlitt (1888-1965) war der Cousin von Hildebrand Gurlitt (1895-1956), mit dem es immer innerfamiliäre Spannungen gab. Auch Wolfgang war Kunsthändler und Galerist. Auch er ließ das Handeln selbst in den Jahren nicht ruhen, in denen er als Direktor des von ihm angestoßenen Museums amtierte. 1946 wurde das Haus mit Leihgaben von Wolfgang Gurlitt eröffnet, 1952 kaufte die Stadt Linz 88 Gemälde der Moderne und 33 entsprechende Graphiken von ihm an. 2003 änderte es seinen Namen in Lentos Kunstmuseum.

Schon seit 1998 überprüft das auf die Moderne und zeitgenössische Kunst spezialisiert Haus systematisch und vorbildlich seine Bestände auf NS-Raubkunst. Seit 2007 ist die deutsche Provenienzforscherin Vanessa-Maria Voigt miteinbezogen. In 20 Jahren konnten so 13 Kunstwerke an die Nachfahren der einstigen Besitzer restituiert werden. Kunstwerke von Lesser Ury, Egon Schiele, Gustav Klimt, Anton Romako, Lovis Corinth und Emil Nolde.

Auch wenn Graphik lichtempfindlich ist und auf Ausstellungsphasen immer wieder Ruhezeiten zu folgen haben – eine Austausch mit Linz wäre sicherlich für beide Seiten erhellend. Der Nachlass von Hildebrand Gurlitt ist mit 1.566 Positionen so groß, dass mit den jetzt vorgestellten rund 400 Werken erst weniger als ein Drittel in die Öffentlichkeit gelangt. Das Teilen und das Schmieden strategischer Allianzen bereichert alle Partner.

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