Biennale Entdeckungen
Künstlerische Horizonterweiterung

Die Biennale von Venedig präsentiert sich als vielstimmige und widersprüchliche Bestandsaufnahme zeitgenössischer Kunst. Wie immer ist sie auch ein Ort für unerwartete Begegnungen und Entdeckungen.
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DüsseldorfIn den idyllischen Mikrokosmos der Kunstwelt, der Venedig seit dieser Woche füllt, platzt die hässliche Wirklichkeit von Migration und verweigertem Zutritt. Und zwar ganz unaufdringlich. Tunesiens Länderbeitrag zur Biennale besteht in dem Werk „The Absence of Paths“. Am Ende des Arsenale-Wasserbeckens steht eine schmächtige Zollstation, wo Reisende ein als "FREESA" bezeichnetes Reise-Dokument bekommen können, wenn sie es mit ihrem Daumen signieren. „Wo die Wege fehlen und nur das Menschliche bleibt“ – lautet die Devise auf dem Stempel. „Gezeichnet A-Garitta“.

Der schillernd blaue Reisepass, blau das ist die Hoffnung, enthält dann Daten und Fakten zur sogenannten Flüchtlingskrise. 54 Prozent aller Flüchtlinge weltweit kommen aus drei Ländern: Syrien, Somalia und Afghanistan. Der mächtigste Pass ist der deutsche, denn er schafft Zutritt zu 176 von 218 Ländern. Das tunesische Projekt „Ausweglosigkeit“ schafft mit wenig Material große Wirkung in den Köpfen der Besucher.

Die Südafrikanerin Candice Breitz greift das Thema Flucht und Asyl gleichfalls auf. Sie hat authentische Interviews mit Flüchtlingen aufgezeichnet und dann von den Hollywood-Stars Julianne Moore und Alex Baldwin in korrektem Englisch und perfektem Duktus noch einmal nachsprechen lassen. Und kommt zu dem Ergebnis: dass die Schauspieler mehr Empathie auslösen als die Geflüchteten.

Die bedrückende aktuelle Lebenswirklichkeit in vielen Ländern äußert sich auf der 57. Biennale von Venedig nicht nur im Dokumentarischen. In der von Christine Macel verantworteten Schau „Viva Art Viva“ steht zwar die künstlerische Praxis im Mittelpunkt, doch die politischen Zeitumstände prägen beinahe jeden Künstler, jede Künstlerin und damit ihren Ausdruck. Oft steckt hinter Poesie ein ernstes Thema, das es zu entdecken gilt.

Am rückwärtigen Zugang zum Arsenale hat der Ägypter Hassan Khan (*1975) seine Klanginstallation „Composition for a Public Park“ ins Grün gesetzt. Schwebende Klänge verschiedener Kulturen propagieren eine neue, integrativere Zeit. Ein guter Ort zum Innehalten für jeden gestressten Biennale-Besucher. Michel Blazys benachbarter „Wald der Besen“ lehrt den Flaneur, der nach der Tour de Force durch all die Pavillons den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, den genauen Blick. Um die vielen Besen, die der ökobewusste Monegasse gepflanzt hat, wachsen schon wieder Pflanzen.

Zu einer Gruppe von bis vor Kurzem weitgehend übersehenen Künstlerinnen der letzten neun Jahrzehnte zählen neben Geta Brǎtescu im rumänischen Pavillon unter anderen die schamanische Tänzerin Anna Halprin und die Kubanerin Zilla Sanchez (beide vertreten in den Biennale-Ausstellungen von Christine Macel). Sanchez lebte von 1962 bis 1971 in New York und nahm Ideen des Feminismus auf. Sie begreift die Leinwand als Haut und schafft durch gezielte Erhöhungen Reliefs, die den Betrachter den weiblichen Körper assoziieren lassen.

Sanchez' durch Erotizismen aufgeladener Minimalismus der Formsprache passt sehr gut zum aktuellen Höhenflug der italienischen Zero-Kunst. Sie wird nicht die einzige Künstlerin sein, die demnächst auch in Versteigerungskatalogen auftaucht, in die sie nie gekommen wäre, hätte Christine Macel nicht den Blick auf so außerordentlich punktgenaue Kunst gelenkt.

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