CLARA MOSCH
Freiheit in der DDR

Die Künstlergruppe CLARA MOSCH setzte dem Provinzialismus und qualitätslosen Sozialismus experimentelle Kunst entgegen. Wo die museale Würdigung noch aussteht, schließt die Galerie Barthel + Tetzner die Lücke.
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DüsseldorfRückblende in die DDR der späten 1970er-Jahre. CLARA MOSCH ist keine Frau, schon gar keine Widerstandskämpferin, wie ein Beteiligter einem tumben Verbandsfunktionär einreden konnte. Die Bezeichnung ist ein Anagramm aus den Namen der Künstler Carlfriedrich Claus, Dagmar Ranft-Schinke, Thomas Ranft, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade. Der kleine Trupp widersetzte sich mit seiner Produzentengalerie in Karl-Marx-Stadt dem staatlich verordneten Sozialistischen Realismus durch Konzeptkunst, wilde Experimente, kritische Künstlerbücher und spielerische Plein-Airs. Das künstlerische Freiheitsbedürfnis des ungleichen Quintetts schien so gefährlich, dass das Ministerium für Staatssicherheit mehr als 100 Inoffizielle Mitarbeiter zur Auskundschaftung benötigte. Dass der Fotograf Ralf-Rainer Wasse die Hauptquelle für die Stasi war, kam erst nach der Wende heraus.

CLARA MOSCH eröffnet dem Kunstfreund das Spektrum nonkonformer Kunst aus der DDR. Die Fünferband protestierte zwischen 1977 und 1982 gegen Provinzialismus und den qualitätslosen Sozialismus. Anleihen bei Beuys oder Dada sind gewollt. So meldete 1982 eine fingierte Todesanzeige in der Zeitung das Ende: „CLARA MOSCH ist tot. Die Tote wird nicht gewertet.“ Sie hat zwar überregionale Bedeutung erlangt, doch in der deutsch-deutschen Kunstgeschichte noch nicht den Platz, der ihr gebührt.

Von Anfang an dabei war der Galerist der nichtstaatlichen Galerie Oben, Gunar Barthel. Er musste kurz vor Mauerfall aus der DDR ausreisen. An seinem lang angestammten Galeriesitz in Berlin-Charlottenburg zeigt die Galerie Barthel + Tetzner jetzt eine Gruppenausstellung zur Erinnerung an die Gründung vor 40 Jahren (bis 13. Januar 2018).

So heterogen wie die „Moschisten“ waren, sind auch die verkäuflichen Exponate. CLARA MOSCH folgte keinem niedergeschriebenen Programm, sondern jedes Mitglied und jeder eingeladene Gast verschob die Grenzen der (ästhetischen) Freiheit ein wenig nach vorn. Michael Morgner schneidet in seinem unbetitelten Gemälde über dem Blau-Gelb-Kontrast existenzielle Themen an. Die verpuppt wirkende menschliche Gestalt hat etwas von Mumie. Der Bildraum wirkt düster. Wenn nicht schon vom Leben zum Tod übergegangen, dann wäre Morgners charakteristische Symbolfigur im Inferno wohl als eine zu denken, die sich nur gegen allergrößte Widerstände behaupten kann. Für die doppelseitig bemalte Leinwand erwartet die Galerie 75.000 Euro.

Ganz anders Thomas Ranft. Der Promoter der Gruppe zaubert aus collagierten Papieren, Briefen und Florilegien Gegenwelten zum tristen Alltag der DDR von ganz besonderem Charme. Die nach der Pressblume „Saxifraga/Tafel“ genannte Papierarbeit aus der Zeit um 1978 öffnet Assoziationsspielraum hin zur internationalen Mail art, zur Schweiz und zum Roten Kreuz (2.500 Euro). Der Blick in andere Kultur- und Epochenräume war für so manchen Bürger der DDR ein Überlebensmittel.

Zu den Gästen der CLARA MOSCH-Ausstellungen zählte auch der Nestor Hermann Glöckner. Der große Alte der Abstraktion ist in der aktuellen Ausstellung mehrfach vertreten. U.a. mit zwei vollständig ausgeführten Tempera-Arbeiten aus den Jahren 1948/1956 (hier: o.T. (Nierenform vor blauem Grund)). Die beidseitig bemalte Malpappe zeigt den Dresdner weniger als kühlen Konstruktivisten, eher als leidenschaftlichen Maler organischer Formen. Die energieversprühende Arbeit ist mit 12.200 Euro ausgepreist.

Mit der im Westen gern gezeigten Staatskunst erschöpft sich die Kunstszene der untergegangenen DDR keinesfalls. Wer die in Potsdam im Palais Barberini angelaufene Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ erweitern und vertiefen möchte, und allen Neugierigen, sei die CLARA MOSCH-Ausstellung bei Barthel + Tetzner empfohlen.

„CLARA MOSCH“ bis 13.1. 2018 in GALERIE BARTHEL + TETZNER GmbH, Fasanenstrasse 15, 10623 Berlin

„Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Palais Barberini, Potsdam bis 4. Februar 2018

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