DZK-Tagung
Ressourcenverschwendung in der Provenienzforschung

Projektbezogen erforschen Museen die Herkunft ihres Bestands. Doch Gefördertes wird oft weder ausgewertet noch veröffentlicht. Kritische Anmerkungen zu einer deutsch-französischen Tagung im Umfeld der Bonner Gurlitt-Ausstellung.
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BonnEs war eine gute Tagung – reich an An- und Einsichten, Erkenntnissen und Vernetzungsmöglichkeiten. Davon wird zu einem späteren Zeitpunkt noch die Rede sein. Gut war die deutsch-französische Konferenz vergangene Woche auch, weil sie mit einem Krach endete - und mit der ungeschönten Wahrheit. Die zweitägige Konferenz „Raub & Handel. Der französische Kunstmarkt unter deutscher Besatzung (1940-1944)“ wurde veranstaltet vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (DZK), dem Forum für Kunstgeschichte Paris und dem Forum Kunst und Markt der Technischen Universität Berlin. Stattgefunden haben vier Panels in der Bundeskunsthalle Bonn, wo derzeit der kritischere Teil der „Bestandsschau Gurlitt“ in einer stark textlastigen Ausstellung gezeigt wird.

Den Abschlussvortrag nach 18 im Detail meist recht aufschlussreichen Vorträgen hielt Christian Fuhrmeister. Der habilitierte Wissenschaftler forscht im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Sein Vortrag hatte den neutral klingenden Titel „Der Kunstfund Gurlitt und die Folgen für die Forschung“. Es war aber ein leidenschaftlicher Appell, sich endlich nicht länger mit dem Klein-Klein zufällig eingereichter Projektförderung zu begnügen. Statt sanft beschönigender Worte wählt der Schlussredner wahre Worte und macht die Öffentlichkeit mit massiven strukturellen Defiziten bekannt, an denen das DKZ aus seiner Sicht leide. Gilbert Lupfer, ehrenamtlicher Vorstand des DZK, zeigte sich wenig erfreut, vom Gast die Leviten gelesen zu bekommen. Andrea Baresl-Brand vom Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ im DZK hingegen gab sich optimistisch, was künftige „Extra-Vorhaben“ betrifft.

Ohne Auswertung keine Sichtbarkeit

Das DZK berät und fördert projektbezogen, forscht aber nicht. „Geförderte Projekte werden nicht ausgewertet, und damit nicht sichtbar gemacht,“ klagt Fuhrmeister. Weil das DZK auf Forschung verzichtet, sende es keine Impulse aus, bleibe ein „administrativ dekretiertes Organigramm“. Ausdrücklich lastet der Wahl-Münchener seine Kritik an der fehlenden Forschungsinfrastruktur nicht den engagierten Kolleg*innen in Magdeburg an, sondern dem „politischen Deutschland mit seinem Ressort- und Ressourcedenken“.

Immer wieder komme es zu Doppel-, Dreifach- oder Fünffachforschung. Solche Fehlleistungen wären vermeidbar, wenn es „langfristig angelegte Strukturen der Wissensgenerierung“ gäbe, nicht ausschließlich Projektförderung. Letztere erzeuge „Insellösungen ohne Erfahrungstransfer“, wenn das Anschlussprojekt nicht zustande kommt. So erfreulich es ist, dass viel Material für die Provenienzforschungmittlerweile digital abrufbar ist, Politiker übersähen gern, dass Daten jedoch permanent gepflegt, d.h. auch korrigiert gehören (s. dazu auch den Artikel zu „Lost Art“ von Christiane Fricke am 1.12.2017 im Handelsblatt).

Als eines der abschreckenden Beispiele nannte Christian Fuhrmeister das GKNS, ein DFG-Projekt, das seit 2012 tot ist. Da wurde ein grundlegendes Netzwerk zur „Geschichte der Kunstgeschichte im Nationalsozialismus“ angelegt, doch „die Daten sind unzugänglich. Das ist Ressourcenverschwendung“.
Weil ein gesetzlich übergreifender Rahmen in Deutschland fehlt, sei das DZK „degradiert zum Problemkataster“. Fuhrmeister hat mehrfach erleben müssen, wie im ZI erarbeitete Strategiepapierefür eine Forschungseinrichtung folgenlos geblieben sind. Jetzt plädierte der Wissenschaftler intensiv dafür, eine nachhaltige Struktur zu schaffen, die Grundlagen- und Kontextforschung mit der Förderung von dezentralen Projekten verzahnt. Unter Hinweis auf die Kulturhoheit der Länder drücke sich der Bund aber, eine solche Institution zu schaffen.

Eilige Mittelerhöhung

Ob Fuhrmeisters Defizitanalyse die Ohren der Bundeskulturministerin Monika Grütters oder die von Ministerialdirektor Günter Winands erreichte, ist unbekannt. Die Ministerin hatte sich wegen anderer Termine entschuldigen lassen, der Jurist Winands war lediglich am zweiten Tag zur Begrüßung am Morgen gesehen worden, nicht mehr am Ende, als Fuhrmeister die Politik ins Gebet nahm. Bitter nötig wäre es. Denn die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hatte unter dem Schock, der auf das erbärmliche Handling der Causa Gurlitt durch staatliche Stellen folgte, die Mittel für Provenienzforschung von 2 Millionen auf 6,5 Millionen Euro erhöht. Eine Summe, die wie die Tagung deutlich machen sollte, für Projektförderung, nicht aber für Grundlagenforschung und Vernetzung ausreicht.

Provenienzforschung ist in den letzten zwanzig Jahren zur wichtigsten, weil politisch relevanten Disziplin der Kunstwissenschaft geworden. Das internationale Ansehen Deutschlands hängt schließlich daran, dass Museen die Herkunft ihrer Sammlungen einwandfrei belegen können. Rückgaben von NS-verfolgungsbedingt erworbenen Kulturgut sind aus Museen und Privatsammlungen, exemplarisch von Cornelius Gurlitt vorgemacht, erwünscht. Die BKM argumentiert dabei stets moralisch. Für Ehre, Moral und Image sowie für Bildung und Forschung sollten sich doch Mittel und Strukturen finden lassen, um die weit gediehene Provenienzforschung aus der Projektfalle zu befreien und sie in einer großen Wissenschaftsstruktur zu verankern.

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