Ernst Ludwig Kirchner Ausdrucksstark und direkt

Die Galerien Haas und Dierking, beide in Zürich ansässig, konfrontieren Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner mit Stammeskunst aus Afrika. Ein großer Gewinn, vor allem für den Besucher.
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Susanne Schreiber

ZürichDie Anfänge mögen zwar bereits im Zeitalter der Aufklärung liegen, doch es hat noch ein Jahrhundert gedauert bis im Kaiserreich Völkerkundemuseen in Berlin, München und anderorts eingerichtet werden. Für die Künstler der Avantgarden tun sich darin Welten auf. Man denke nur an Pablo Picasso und die Bilderserie „Demoiselles d’Avignon“. Aber auch Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff sind sofort entflammt von der Stammeskunst Schwarzafrikas. In den Museen entdecken sie eine Kunst, die extrem direkt ist, figürlich und doch eher symbolisch als realistisch, erotisch aufgeladen und stark im Ausdruck. All das, was die Brücke-Mitglieder stilistisch auch erreichen wollten: Expression vor Anstand, innere Wahrheit vor Biederkeit, Kraft vor Zaghaftigkeit und bourgeoisem Reglement.

Seit 1915 ist diese anregende Beziehung Afrika und die Avantgarde Thema in der Kunstgeschichte. Da veröffentlichte Carl Einstein seine grundlegende Untersuchung zum Einfluss der Stammeskunst auf den Kubismus unter dem Titel „Negerplastik“. So bekannt die ästhetischen Parallelen sind, so selten werden sie inzwischen umgesetzt. Eine Ausnahme ist die Galerie Haas in Zürich , die sich in ihrer aktuellen Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner und Werken aus Afrika“ widmet (bis 16. März 2018).

Die Ausstellung in Kooperation mit der Galerie Dierking macht anschaulich, was die afrikanischen Schnitzer mit dem Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner verbindet. Quelle: Schreiber
Galerie Haas

Die Ausstellung in Kooperation mit der Galerie Dierking macht anschaulich, was die afrikanischen Schnitzer mit dem Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner verbindet.

(Foto: Schreiber)

Galeriedirektorin Erika Költzsch hat im Bestand einer Sammlung aus Deutschland eine  Zahl großformatiger Zeichnungen und Aquarelle, Lithographien und Holzschnitte auftun können. Als Partner und Leihgeber konnte sie Dierk Dierking gewinnen, dessen Galerie am Paradeplatz in Zürich sich mit außereuropäischer Kunst befasst. Ausgesucht hat Dierking eher kleinere Skulpturen, die auch außerhalb ihres kultischen Zusammenhangs gut für sich stehen können. Was die anonymen Schnitzer mit Kirchner verbindet ist die Transformation von Energie in Freiheit. Sie schaffen jeweils „Werke von unmittelbarer Gegenwart“, die den Betrachter einnimmt und nichtmehr loslässt, wie Költzsch im Katalog schreibt.

Darüber hinaus gibt es für den, der aufmerksam zu schauen vermag auch eine Fülle kleiner motivischer Übereinstimmungen. Bei der symmetrisch konstruierten Schalenträgerin der Yoruba(Nigeria) mit blau getöntem Haar etwa unterstreichen betonte Brüste und ein auf dem Rücken getragenes Kind den zentralen Aspekt der Fruchtbarkeit (28.000 Schweizer Franken zzgl. Mwst). Betonte Weiblichkeit ist Kirchners Thema in den erotisch grundierten Minutenakten und Boudoirszenen, ganz frei von Scham. Stilisierte Augenfinden sich in einer Häuptlings- oder Kriegermaske der Pende aus der Demokratischen Republik Kongo (48.000 Franken, zzgl. Mwst.), bei Kirchner gleich in mehreren Blättern.

Optisch energetisches Zentrum und Ausgangspunkt der so anregenden wie dichten Ausstellung ist das Ölgemälde „Nacktes Paar am Wasserfall“ aus dem Jahr 1923. Es hat die typische Schweizer Farbigkeit mit vielen Rosa-Lila-Minttönen und ist später nicht nochmals übermalt worden. Dargestellt ist der Moment der Erkenntnis, als Eva, erstmals Scham empfindet und weiß, dass nach dem Sündenfall kein Verbleiben im Paradies möglich ist. Das starke Bild stammt aus einer Privatsammlung und wirkt frisch, weil es nicht in den letzten Museumsausstellungen figurieren musste. Die Erwartung liegt bei 2,4 Millionen Euro (ohne Mwst). Die großen farbigen Mischtechniken, „Liegender Akt mit Katze“ (380.000 Euro) und „Weiblicher Akt neben Badewanne“ (240.000 Euro) waren 2010 in einer Ausstellung und einem Katalog zu sehen, den die Galerie Michael Haas zusammen mit der Galerie Beck & Eggeling herausgebracht hat. Die Preise reflektieren die gestiegene Nachfrage nach bildhaften Blättern in Farbe bei Kirchner, der beanspruchen darf, der wichtigste der Brücke-Künstler zu sein.

Mit schnellen, sicheren Strichen entwarf der Künstler die Skizze dieses nackten Paars im Atelier (1910). Quelle: Galerie Haas, Zürich
Ernst Ludwig Kirchner

Mit schnellen, sicheren Strichen entwarf der Künstler die Skizze dieses nackten Paars im Atelier (1910).

(Foto: Galerie Haas, Zürich)

Packend sind auch die mit nur 52 cm Höhe monumental wirkende Skulptur einer verstorbenen Königin der Mossi (Bukina Faso), die Narben-Tätowierungen zieren (135.000 Franken zzgl. Mwst) und eine Kota-Figur aus Gabun. Kopf, Gesicht und Helm der Reliquienfigur sind wirklichkeitsnah mit Metall beschlagen, der Körper nur mehr eine abstrakte Chiffre. Die bereits 1937 im Brooklyn Museum in New York ausgestellte Figur mit langer Provenienzliste soll 350.000 Franken (zzgl. Mwst.) kosten. Strukturelemente wie die Narben-Ritzungen leiten den Blick zu Kirchners Tuschzeichnung „Paar am Tisch“. Mit grobem Pinselstrich und Schraffur baut der Künstler da eine Verbundenheit zweier Menschen auf und setzt sie Insel gleich vom allgemeinen Geschehen im Café ab (42.000 Euro). Solch gelungene Konfrontationen machen dem Besucher wieder einmal klar, wie vergnüglich vergleichendes Sehen ist; wie konstruiert die Gattungsgrenzen.

Bis 16. März in der Galerie Haas, Talstrasse 42a, Zürich; danach in veränderter Form bei Dierk Dierking, Bleicherweg 3, Zürich.

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