Hauser & Wirth
Wie man ein Imperium baut

Hauser & Wirth macht es vor. Ein globales Galeriefilialnetz, über 50 Künstlervertretungen, dazu 15 Nachlässe. Ein Beispiel für strategische Expansion wie aus dem Lehrbuch. Von Hongkong aus werden künftig Sammler in China betreut.
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DüsseldorfChina gilt als Zukunftsmarkt. Auktionshäuser und ambitionierte Großgalerien unterhalten schon längst Ableger in Hongkong und mischen im Kunstgeschäft in Shanghai und Peking mit. Dass ein weiterer der Global Player im Kunstmarkt, die vor 25 Jahren in Zürich gegründete Galerie Hauser & Wirth , sich nun in Hongkong niederlässt (Eröffnung Frühjahr 2018 im 15. und 16. Stock eines Wolkenkratzers in Queens ), wäre kaum eine Meldung wert. Was aufhorchen lässt, ist die auf Handelsblatt-Nachfrage geäußerte Umsatzsteigerung. Marc Payot, Partner und Vizepräsident des Großgalerie, schreibt uns dazu: „Seit 2013 haben sich unsere Verkäufe in China jährlich verdoppelt.“ Die Kunden, vornehmlich jüngere Sammler, engagierten sich nicht nur für etablierte Positionen, etwa von Philip Guston oder Louise Bourgeois, sondern auch für Zeitgenossen aus Europa wie Jakub Julian Ziolkowski und Wilhelm Sasnal.

Im fernen Osten scheint ein Hunger nach Weltkunst zu bestehen, den die kontinuierlich gewachsene Galerie stillen will. Sechs Galerien (Zürich, London, New York (2), Los Angeles, Hongkong) dazu der Landsitz Somerset und das Chalet in Gstaad wollen mit gewichtigen Ausstellungen bespielt werden. 71 Künstler listet die Homepage auf. Mehr als ein Viertel sind Nachlässe. Wollte man in einem Seminar Studierenden zeigen, wie sich ein Kunst-Imperium aufbauen lässt, wäre Hauser & Wirth ein gutes Beispiel. Dass die Galerie, die in den Anfangsjahren noch Klassische Moderne anbot, sich aber früh mit Dieter Roth verband und schon 1995 Jason Rhoades zeigte, die Nachlässe ihrer verstorbenen Galeriekünstler pflegt, versteht sich von selbst.

Dazu kam das strategische Bemühen um die Estates viel versprechender, unterbewerteter Künstlerinnen und Künstler. Denn erschließt und vermarktet eine Galerie kunsthistorisch bedeutende Namen, schafft sie den Eintritt in den (meist) finanziell reizvollen Kunsthandel. Zu Eva Hesse, Hans Josephsohn, Allan Kaprow, Leon Golub, Arshile Gorky, Philip Guston gesellten sich mittlerweile die Nachlässe von David Smith, Lee Lozano, Fausto Melotti und Mira Schendel.

Erben und Nachlassbetreuer sprechen nicht immer mit einer Zunge. Das machte im Februar 2017der Kölner Galerist Julian Sander deutlich, als er Kunst aus dem Nachlass seines Urgroßvaters, des Fotopioniers August Sander (1876-1964), Hauser & Wirth zum Zwecke einer gemeinsamen Vermarktung übergab. Eine unglückliche Wortwahl weckte den Anschein, der eigentliche Nachlassverwalter, die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur der Sparkasse Köln/Bonn, sei ausgebootet worden. Die SK Stiftung Kultur betreut das 1992 übernommene „August Sander Archiv“ wissenschaftlich, zeigt es öffentlich und erhält es für die Nachwelt. Was sie freilich nicht tut, ist zu verkaufen und für sanften, aber stetigen Preisanstieg sorgen. Das entscheidende Wort ist also das dritte bei der August Sander Family Collection und auch bei der Henry Moore Family Collection.

Die jüngste H&W-Medienmitteilung nennt die verdienten, bislang freien Mitarbeiterinnen Vanessa Guo und Lihsin Tsai als Repräsentantinnen und Co-Direktorinnen. Lihsin Tsai soll zwischen Peking und Hongkong pendeln. Guo hat sich bislang um die digitale Präsenz von Hauser & Wirth in China verdient gemacht, und Partnerschaften, u.a. im Marketing eingefädelt. Sie wird in Hongkong sitzen. Das Ausstellungs-Programm behält sich Präsident Marc Payot selbst vor. Noch möchte er darüber kein Wort verlieren. Neben Arbeiten aus dem Galeriebestand sollen auch Arbeiten weiterer Meister des 20. Jahrhunderts gezeigt werden, heißt es in der Pressemitteilung von letzter Woche ganz allgemein. Carte Blanche für Kooperationen.
Damit ist Hauser & Wirth immer gut gefahren. Die über 1000 Seiten starke Bilanz der ersten zwanzig Jahre (2012 bei Hatje Cantz verlegt, 58 Euro) listet die frühen tragenden Bündnisse zu Künstlern, Vermittlern und Museumsleuten auf: zu Hans Ulrich Obrist, Absalon, Roman Signer, David Zwirner, Pat Hearn und Louise Bourgeois. So bauten Iwan Wirth und seine Frau Manuela Hauser mit Leidenschaft und den nötigen Mitteln ein wahres Imperium auf.

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