Kaufverweigerung
Hohle Höchstzuschläge

Säumige Supersammler sorgen immer wieder für Ärger und schlagen negativ zu Buche. Jüngst bezahlte ein Bieter eine 14 Millionen-Dollar-Antike nicht. Möglicherweise, weil die Türkei sie als geraubt reklamiert.
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DüsseldorfEs zählt zu dem Schlimmsten, was einem Auktionator passieren kann. Ein Bieter bewilligt in einer Prestigeauktion Millionen für ein seltenes Kunstwerk, die Versteigerer verkünden einen spektakulären Weltrekord – aber der siegreiche Käufer sucht das Weite vor dem Bezahlen der Rechnung. Das Rekord-Werk bleibt im Auktionshaus hängen und belastet dessen Bilanzen.

So geschah es am 26. April 2017 in Christie’s Exceptional Sale in New York. Der Mann, der den Zuschlag für eine weibliche, anatolische Marmorskulptur aus der Kupfersteinzeit erhielt, stand nicht mehr zu seinem Gebot. Er hätte den Superpreis von 14.471.500 Dollar (mit Aufgeld) bezahlen sollen. Doch vermutlich was es nicht der Preis, der ihn vor dem Vollzug des Kaufs zurückschrecken ließ. Es dürften Forderungen der türkischen Regierung gewesen sein, die bereits vor der Versteigerung das so modern anmutende, minimalistische Idol vom Typ Kiliyaals nationales Kulturgut beansprucht hatte.

Ende Juli hat die Türkei nun in Manhattan Klage eingereicht. Richterin Alison Nathan, berichtet Artnet News, bewilligt das Ansinnen der Türkei, Christie’s zu zwingen den Namen des Käufers preiszugeben. Christie’s argumentierte bislang mit den fünfzig Jahren, die das als „Guennol Stargazer“ bekannte Kunstwerk schon in den USA verbracht hat, Jahrzehnte auch als Leihgabe im Metropolitan Museum of Art in New York. Würde Christie‘s den Käufernamen bekannt machen, läge ein Präzedenzfall vor in dieser äußerst diskreten Branche. Schwer vorstellbar.

Die Anklageschrift nennt die bisherigen Provenienzen klar und deutlich. Einlieferer war der Fondsmanager Michael Steinhardt. Der das Risiko liebende Sammler hatte die Figur mit dem leicht in den Nacken gelegten Kopf („Stargazer“) 1993 erworben. Zuvor, heiß es, sei die Statuette wohl in den 1960er-Jahren aus der Türkei geschmuggelt worden. Über den einschlägig bekannten „Händler-Schmuggler“, so nennt die Anklageschrift John Klejman, gelangte die gut erhaltene Figur in die Sammlung von Alastair und Edith Martin. Alle Beteiligten hätten wissen müssen, das rund 5000 Jahre alte Artefakt der Türkei geraubt worden war, so Rechtsanwalt Frank K. Lord IV, der die Türkei vertritt. Wo in der Bilanz tauchen eigentlich säumige Supersammler bei Christie’s auf, fragt man sich.

Solche nicht zu Ende abgewickelte Verkäufe schlagen immer wieder hohe Wellen und negativ zu Buche. So hatte Sotheby’s 2013 den außergewöhnlichen Diamantring „Pink Star“ von 59,60 Karat zu 72 Millionen Dollar übernehmen müssen. Denn der Diamantschleifer, der dafür bei der Juwelen-Auktion 83,2 Millionen Dollar geboten hatte, bezahlte nie. In diesem Halbjahr erst konnte Sotheby’s die Last knapp unter dem Einstandspreis wieder abstoßen und bei einem Auktionspreis von 71,2 Millionen Dollar dem Schmuckstück immerhin Platz zwei auf seiner Top Ten-Halbjahresliste einräumen. Hier ist der Werbewert des rosa Sterns teuer erkauft.

Unvergessen der Fall der beiden Bronzen „Hase“ und „Ratte“ aus dem Pekinger Sommerpalast, die vor 150 Jahren im Opiumkrieg geraubt und nach Europa verbracht worden waren. In der Yves Saint Laurent-Auktion von Christie’s und Pierre Bergé wurden sie 2009 für je 15,7 Millionen Euro versteigert. Auch hier wurde die Rechnung nie beglichen. Schließlich waren national-chinesische Interessen und Kränkungen im Spiel. Ob der aktuelle Fall mit dem anatolischen Idol sich so elegant lösen lässt wie der der Kaiserlichen Tierkreiszeichen? Die chinesischen Brunnenskulpturen wanderten nämlich ein paar Jahre später als diplomatische Geschenke zurück ins Reich der Mitte, als es darum ging, die Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen zu optimieren.

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