Leonardo da Vinci
Einmaliger Weltrekordpreis für einen Alten Meister

Der erstaunliche Top-Zuschlag für den „Salvator Mundi“ provoziert Fragen. Strittig sind die Datierung des Bildes und die Autorschaft Leonardo da Vincis, unstrittig die ausgeklügelte Marketingstrategie des Auktionshauses.
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DüsseldorfMittwochabend hat Christie’s einen wahren Coup gelandet. Durch eine kühne Aufweichung der Sammelgebiete haben die Strategen um CEO Guillaume Cerutti für Leonardo da Vincis „Salvator Mundi“ einen absolut erstaunlichen Weltrekordpreis einfahren können. Nicht nur, dass der neue Welthöchstpreis für ein versteigertes Kunstwerk jetzt bei sagenhaften 450,3 Millionen Dollar liegt. Ausgerechnet ein Bild aus der Zeit um 1500, das dem ansonsten immer unbedeutender werdenden Sammelgebiet Alte Meister zuzurechnen ist, wird zum top „selling object“ (Siehe heutiges Handelsblatt und online).

Und das, obwohl nicht alle Forscher von der Autorschaft Leonardos in dem überrestaurierten Bild überzeugt sind. Frank Zöllner, Professor in Leipzig und Leonardo-Forscher sagte der Kunstzeitschrift Monopol, die Vermarkter hätten mit falschen Datierungen gearbeitet: „Die Art der Hell-Dunkel-Malerei weist daraufhin, dass es später entstanden sein müsste, als es datiert wurde. Damit es dahingehend wieder passt, verhält sich das Auktionshaus höchst dubios. Es wurden sogar andere Werke von Leonardo umdatiert, um dieses Problem zu lösen.“

Es war ein genialer Schachzug, mit dem religiösen Thema (sonst eher ein Grund für die Zurückweisung) in die Abteilung Contemporary Art zu wechseln. Hier sitzt das Geld am lockersten, hier kreuzen die meisten neureichen Trophäenkäufer auf Käufer, die auf Namen mit Aura Wert legen, die nicht stört, woran sich Kenner stören. Sie laben sich an dem Nimbus des Namens Leonardo und dem abgehobenen Ausdruck des Weltenretters. „Wir wollten Käufer in einer Art Störmanöver auf andere Kategorien stoßen. Und wer ist innovativer und auch zeitgemäßer als Leonardo”, erläuterte Christie’s CEO Guillaume Cerutti die Taktik.

Das einkalkulierte Gefühl

Dem Wechsel der Auktionskategorie ging eine fein ausgetüftelte Marketingkampagne voraus, die in den Metropolen, in denen superreiche neue Sammlerschichten sitzen, ein besonderes Gefühl aufkommen ließ: das Gefühl, es sei die allerletzte Möglichkeit, etwas von Glanz und Ruhm des berühmten Renaissancemalers Leonardo da Vinci (1452-1519) abzubekommen. Selbst der kunstfernste Mensch weiß, dass das bekannteste Bild der Welt, die Mona Lisa von Leonardo gemalt wurde. Christie’s Branding hat funktioniert. Wir werden in Zukunft wohl öfter solche Auktionen erleben, die sich nach dem Kundenpotenzial und nicht mehr nach althergebrachten Kategorisierungen richten.

Der neueste Top-Preis stellt auch alle Rekorde für Jean-Michel Basquiat (110,4 Mio. Dollar) und die anderen Heroen der zeitgenössischen Kunst in den Schatten. Und ganz nebenbei wurde der bisherige Topzuschlag für einen Altmeister versechsfacht. 2002 hatte der „Betlehemitische Kindermord“ von Peter Paul Rubens bei Sotheby’s sensationelle 76,7 Millionen Dollar gebracht. 2009 kam Tizians „Diana und Actaeon“ durch Privatverkauf auf 71,3 Millionen Dollar. Verkäufer war Francis Egerton. Gemeinsam gekauft haben die Nationalgalerien in London und Edinburgh.

Nach dem Sensationszuschlag bei Christie’s an einen noch nicht identifizierten Käufer bleiben gleichwohl Fragen offen. Wie viel hat die enorme Werbekampagne gekostet? Hat Christie’s neben Prestige auch Gewinn eingefahren? Christie’s Mitarbeiter gaben sich nach der Auktion ungewöhnlich zugeknöpft. Den wartenden Journalisten wurde anders als sonst nicht mal der Kontinent genannt, auf dem der Käufer lebt, erzählt Handelsblatt-Korrespondentin Barbara Kutscher. Auch ihre Frage, wie viele von der eigens roten Bieder-Paddels denn für Leonardo ausgegeben worden seien, blieb unbeantwortet.

Die  auf 100 Millionen Dollar taxierte Walnussholztafel hatte eine Garantie von dritter Seite. Wer hat diese Garantie gegeben? Könnte es Bouvier oder ein Freund von Bouvier sein? Welchen Einfluss hat der neue Leonardo-Preis auf die Gerichtsprozesse, in denen sich der Einlieferer Dimitry Rybolowlew und sein ehemaliger Kunstberater Yves Bouvier über die satten Aufpreise streiten, zu denen Bouvier Kunstwerke an den damals in Monaco lebenden Russen weitergereicht hatte. Die 450 Millionen sprechen immerhin für das Steigerungspotenzial von Kunst, die durch Bouviers Hände ging.

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