Macht und Geld
Der nächste Kunstskandal

Beatrix Ruf ist am Dienstag mit sofortiger Wirkung als Direktorin des Stedelijk Museum Amsterdam zurückgetreten. Wegen unerlaubter, paralleler Nebentätigkeit im eigenen Consulting Unternehmen und undurchsichtigen Geschäften.
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DüsseldorfDie investigativen Recherchen der niederländischen Zeitung NRC Handelsblad förderten jüngst schockierende Praktiken in Amsterdams Vorzeigehaus Stedelijk Museum zu Tage. Beatrix Ruf trat am Dienstag als Direktorin zum Wohle des anerkannten Museums für zeitgenössische Kunst mit sofortiger Wirkung zurück. Die Vorwürfe, die im Raum stehen, sind, sollten sie sich bewahrheiten, ein Skandal. Bislang wurde die 57-jährige aus Singen stammende Deutsche auf allfälligen Listen der einflussreichsten Menschen in der Kunstszene ganz vorne gerankt.

Dem weltweit aufgegriffenen Bericht zufolge hat die Direktorin Ruf, parallel und verdeckt neben ihrer zeitintensiven Arbeit als Stedelijk-Direktorin ein eigenes Beratungsunternehmen, Currentmatters, geführt. Es hat,  laut NRC , 2015 einen Gewinn von 437.306 Euro gemacht. Der tauchte nicht im Jahresbericht des Museums auf. Der Gewinn wäre in etwa das Dreifache eines Direktorengehalts. Zu den Consulting-Kunden gehörten auch Leihgeber des Stedelijk.  „Kein Direktor darf sein Museum als kommerzielle Plattform für seinen persönlichen finanziellen Gewinn benutzten“, sagt Peter van den Brink, Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums in Aachen, dem Handelsblatt.

Ein weiteres Problem scheint in Amsterdam darin zu liegen, dass Beatrix Ruf einen millionenschweren Ankauf zu überhöhten Preisen mit Schenkungsabsichten des ehemaligen Kölner Galeristen Thomas Borgmann  verkoppelt hat, der dem Vernehmen nach nicht in den Büchern auftaucht. „Intransparenz darf es in einem öffentlichen Haus nicht geben“, so Brink. Schon allein, um den Wert der Schenkung und seine Relevanz für das Museum überprüfen zu können. Das stelle alle Museen in schlechtes Licht, auch die, die hohen ethischen Richtlinien folgen.

Verlockende Moneten

Ein Teil des Einflusses von Beatrix Ruf  resultiert aus der seit 1995 andauernden Beratertätigkeit für den Schweizer Ringier Verlag und den Aufbau von dessen Sammlung. Viele von Rufs Künstler-Publikationen erschienen bei Ringier. Bevor Ruf 2014 das Stedelijk übernahm, war sie sechszehn Jahre Direktorin der Kunsthalle Zürich. Noch nicht arrivierte Künstlerinnen und Künstler lassen sich dann besonders gut durchsetzen, wenn ihr Promoter, wie bei Beatrix Ruf der Fall, zusätzlich noch in mehr als 20 Gremien mitwirkt. Da könnte man über Ämterhäufung nachdenken.

Nebentätigkeiten sind andererseits selbstverständlich bei Direktoren: in Jurys, Berufungskommissionen, Beiräten etc. Aber in Maßen und immer zum Wohl der eigenen Institution, nicht aber für das private Bankkonto. Dass hier eine Direktorin kräftig zugelangt haben soll, um ihren Anteil an der Wertschöpfungskette im Betriebssystem Kunst zu monetarisieren, wäre unerhört in Europa. Bislang wahren die meisten öffentlichen Museen für zeitgenössische Kunst hierzulande wenigstens einen Hauch von Neutralität und Distanz, wenn sie mit ihren Weihen für Schub in einer Künstlerkarriere sorgen. Und sichern Ankäufe etwa durch eine beratende unabhängige Kommission ab.

Raffgier und Manipulation

Noch sind die Vorwürfe Enthüllungen einer Zeitung, noch läuft eine interne Untersuchung, noch äußert sich die Beschuldigte nicht. Noch gilt die Unschuldsvermutung. Sollten sich die verdeckten Machenschaften zum Schaden des Museums und zu Gunsten seiner Direktorin beweisen lassen, seien alle gewarnt, die wieder einmal nur die Kunstszene (Markt und Museen) als ganze an den Pranger stellen möchten. Manipulationen und Raffgier kommen täglich und überall vor: beim Zahnarzt, der für Kleinigkeiten ein Riesenreparaturprogramm in Gang setzt, bei Deutschlands Autobauern in der Diesel-Abgastechnik und in der Luftfahrt für den wegen Pleite überflüssig gewordenen Air Berlin-Chef, der bis 2021 über 4 Millionen Euro Gehalt ausbezahlt bekommt – dank einer Insolvenzversicherung.

Ein Ausweg? Den öffentlichen Museen, bzw. ihren Aufsichtsgremien bleibt nur die regelmäßige Überprüfung klar formulierter Grundsätze im Sinne der Due Dilligence, die für alle Hierarchiestufen zu gelten haben. Und der Kunstfreund? Der mag Abstand nehmen vom spekulativen Aspekt beim Kunstkauf in der Nachfolge von Trendmuseen oder gehypten Must-have-Künstlern und lieber der eigenen Nase folgen. Er weiß ja, überall, wo es um viel Geld und noch mehr Macht geht, drohen Interessenkonflikte und Manipulation.  

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