„Magische Natur“ in Düsseldorf
Grandioser Zusammenhang

Oft enttäuschen Themenausstellungen. Die „Magische Natur“ im Museum Kunstpalast in Düsseldorf hingegen ist ein kuratorisches Glanzstück. Hier erhellt jedes künstlerische Werk das andere. Ein Geheimtipp.
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DüsseldorfDas gibt es selten. Eine Themenausstellung, in der sich Alte Kunst und zeitgenössische Kunst auf Augenhöhe begegnen. In der sich die Arbeiten von zwei Künstlerinnen und zwei Künstlern gegenseitig zum Klingen bringen. In der der wechselseitige Rundblick, die jeweils individuelle Position noch zusätzlich bereichert und ergänzt. Das Wunder hat Gunda Luyken vollbracht. Sie hat Carl Wilhelm Kolbe d.Ä. (1759-1835) die riesigen „Pestwurz“-Holzschnitte von Franz Gertsch (*1930) sowie die Fotoserien von Simone Nieweg (*1962) und Natascha Borowsky (*1964) zur Seite gestellt.

Was das Quartett eint, ist weniger das Motiv, als die Haltung der Natur gegenüber. Das Gesehene wird nicht nachbuchstabiert, sondern verwandelt in Surreales, ja Magisches oder gar in Abstraktion aufgelöst. Steht man direkt vor Franz Gertschs Riesenholzschnitten, hat man ungegenständliche Lichtpunkte vor Augen, nicht aber die vom Künstler nur dunkel wiedergegebenen Blätter der Pflanze.

Luyken ist die Leiterin der Graphischen Sammlung im Museum Kunstpalast und hat die Sonderausstellung „Magische Natur“ im Cary-und-Dan-Bronner-Saal kuratiert (bis 7. Januar). Ausgangspunkt, war der Wunsch, die noch unterschätzten Radierungen von Carl Wilhelm Kolbe d. Ä. bekannter zu machen. Zu Recht, denn sie begeistern jeden Kunstfreund, der sich die Zeit nimmt, genau hin zu schauen. Dann nämlich erkennt er, dass Kolbes unkrautartige Pflanzen im Vordergrund einer Landschaft mit Eichbaum und Kühen so groß sind, dass sie die Rindviecher glatt einwickeln könnten. In einem anderen Blatt, schafft monumentalisiertes Blattwerk gar einen höhlenartigen Unterschlupf für eine rastende Kuh. Die surreal vergrößerten „Kräuterstücke“ sind sogar ein eigenes Genre geworden bei Kolbe.

Inspiration für Max Ernst

Auch Götter- oder Halbgöttergestalten suchen Schutz in dem dschungelartigen Gewirr der Natur. Die Anwesenheit von Nymphen, Satyren und Liebespaaren macht klar, Kolbe geht nicht nur um Wildwuchs draußen in den Elbauen, unweit seiner Heimatstadt Dessau. Es geht ihm auch um die menschliche Natur und um Erotik. Seine Landschaften sind stets aus der Phantasie entwickelt. „In ihnen verbinden sich Vanitas-Stillleben, Pflanzenporträts und Bilder von Arkadien,“ sagt Gunda Luyken.

Für Felix Krämer, den neuen Direktor des Hauses, der erst im September von Frankfurt nach Düsseldorf kam, „ist Kolbe ein Geheimtipp, der sogar zur Inspiration für Max Ernst wurde“. In Düsseldorf allerdings konnten Graphikfreunde in den letzten Jahren Kolbe bereits mehrfach entdecken – in den Jahresausstellungen der Kunsthändlerin Jutta Kleinknecht.

Auch Jutta Kleinknecht pflegt Kolbes gratige Blätter mit der ausgesprochen starken Plastizität mit Papierarbeiter jüngerer oder zeitgenössischer Künstler zu konfrontieren. Die große Freiheit, die sich Kolbe im Zeitalter der Aufklärung bei seinen „künstlichen Landschaften“ so selbstverständlich nimmt, ermöglicht das problemlos. Jutta Kleinknecht präsentiert ihre Offerten statt in einem Ladengeschäft stets in temporären Jahresausstellungen im schönen Atelier ihres Ehemanns, dem Maler und Bildhauer Thomas Kesseler. Bei Kleinknecht, die mittlerweile von Düsseldorf nach Bad Hönningen zog, kosten Kolbes sogenannte Krautstücke meist zwischen 4.000 und 8.000 Euro. Auf Messen finden sich bei anderen Händlern für Kolbe bisweilen auch fünfstellige Notierungen.

Struktur und Farbe

Auf lange Wände mit Kolbes Betrachtungen zu Natur von Mensch und Umwelt folgen Einsichten in Magrovenhaine in der Nähe von Mumbai. Dort hat Natascha Borowsky, einst Meisterschülerin der Becher-Klasse an der Kunstakademie Düsseldorf, einen Dschungel entdeckt, der wie mit Farben akzentuiert scheint. Weiße und bunte Fetzen von Seilen, Textilien oder Plastik haben sich in den Pflanzen verhangen und geben dem Bild Rhythmus. Niemand aber hat diese Wälder geschmückt. Es ist das Meer, das die Reste von Zivilisationsmüll in den lichten Hain spült, im Geäst verhakt und mit der Strömung andrückt. Menschen sind abwesend und nur durch ihre Hinterlassenschaften im Bild. Was paradiesisch scheint, ist keines mehr.

Wie bei Kolbe tun sich vor dem Betrachter Strukturen von großer Tiefenschärfe auf. Wie bei Kolbe tastet sich der Betrachter in Borowskys fein ausbalancierte Komposition hinein. Die Formate der Serie „Transition“ von 2012/14 variieren. Dementsprechend liegen die Preise für Natascha Borowskys Fotos (Pigmentdrucke auf Fine Art Papier in Dreier- und Fünfer-Auflagen) zwischen 2.700 und 7.500 Euro.

Simone Nieweg besuchte wie Borowsky die Meisterklasse der Bechers. Sie schaut sich seit Langem Nutzgärten und deren anarchisch-malerischen Wildwuchs an. Wir blicken in ihren Fotoserien u.a. auf fein strukturierte Blätter diverser Nutzpflanzen. Obwohl es auch bei Nieweg - wie bei allen Künstlern in der „Magischen Natur“ - um Vergängliches und Vergänglichkeit geht, bekommt der Betrachter keineswegs den Blues. Eher bekommt er gute Laune. Denn immer geht es zugleich auch um die Kraft der Natur und ihre unaufgeregte Schönheit.

Themenausstellungen sind derzeit beliebt, aber oft eine Zumutung für den Betrachter. Alle Kunstvereine und Museen müssen ständig neue Präsentationen bieten. Das führt öfters zu Schnellschüssen. Salopp eben mal auf zwei oder drei Messen zusammengepfriemelt, werden dann heterogene Arbeiten zu Überblicksveranstaltungen vereint, die oberflächlich gesehen nichts als das Motiv gemeinsam haben. Da geht es dann um das „Wohnen“, den „Tod“ oder das „Meer“ in der Kunst. Mit solchen Verlegenheitsausstellungen hat Gunda Luykens „Magische Natur“ nichts zu tun. Hier wird der Dialog in den Kunstwerken und im Parcours geführt. Hier werden die Korrespondenzen in den Haltungen der Künstler*innen durch die Hängung präzise in Szene gesetzt. Meine nachdrückliche Empfehlung.

„Magische Natur. Carl Wilhelm Kolbe d. Ä., Franz Gertsch, Simone Nieweg, Natascha Borowsky“, mit einem Essay von Gunda Luyken. 80 Seiten, im Museum 19,80 Euro, erschienen im Wienand Verlag. Ausstellung im Museum Kunstpalast Düsseldorf bis 7. Januar 2017
Führungen mit der Kuratorin am Do 4.1. um 19 h
Öffentliche Führungen So 17.12. um 11.30 und Mo 1.1. um 13.30
Kunstwerk des Monats: Mi 6.12. und Do 7.12., 12.30-12.50; Gebühr 3 Euro
Blaue Stunde mit den Künstlerinnen Natascha Borowsky und Simone Nieweg Do 21.12, 19 Uhr

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