Malerei der Moderne
Als Chagall seinen Stil fand

Basel feiert das  Frühwerk des Kunstmarkt-Lieblings Marc Chagall. 120 Werke zeigen, wie der russisch-jüdische Maler die Motive des Schtetls mit den Errungenschaften der Pariser Avantgarde zu amalgamieren wusste. Eine Empfehlung.
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Marc Chagall (1887-1985) ist ohne Zweifel einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts. Er steht neben Pablo Picasso und Georges Braque im Olymp der Avantgardisten, die von Paris aus die Weltsprache der Malerei revolutionierten. Marc Chagall war aber auch einer der produktivsten Künstler seiner Zeit. Angetrieben von seiner ökonomisch denkenden zweiten Frau Vava, sagt man, sei das Spätwerk flacher geraten und mit zu vielen sentimentalen Zitaten, fliegenden Liebespaaren, Paris-Panoramen und Blumensträußen gespickt.

Chagall hat seine zahlungskräftigen Fans in Frankreich, Israel und der Schweiz , in den USA und seit dem Ende der Sowjetunion auch in  Russland. Seit 1990 ist laut der Preisdatenbank Artnet der von Sotheby’s erzielte  Auktionshöchstpreis von 14,9 Millionen Dollar (ohne Aufgeld) für das Ölbild „Anniversaire“ von 1923 unerreicht. Erst am 15. Mai 2017 rückte ein Zuschlag bei Christie’s wieder in diese höchste Preiskategorie vor. Da bewilligte ein Bieter 14,5 Millionen Dollar (mit Aufgeld) für die „Drei Kerzen“ von 1939.  Aus dem Frühwerk führt Artnet bei den Spitzenwerken nur ein Gemälde von 1911 an. 1999 versteigerte Sotheby’s „Le Village Russe“ für 8,2 Millionen Dollar. Vieles, was im einstelligen Millionenpreis gehandelt wird, stammt aus dem repetitiven Spätwerk.

Wer aber die Quelle von Chagalls russisch-jüdischem Bildkosmos begreifen möchte, muss das widerspenstigere Frühwerk anschauen - von dem selbstredend fast nichts im Markt auftaucht und alle Topstücke in Weltklassemuseen gezeigt werden. Zwischen 1910 und 1914 findet der mit einem Stipendium nach Paris ziehende Jungmaler seine zentralen Bildsujets: Das Heimatstädtchen Witebsk, dessen rabbinische Gelehrte, die Viehhändler und den - wie es im Jiddischen heißt - „über die Häuser ziehenden“ Hausierer mit dem Sack auf dem Rücken. Im dem Winterbild „Über Witebsk“ aus Toronto marschiert der Mann am Stock buchstäblich über die Dächer. Das ist nur scheinbar ein poetisches Fliegen. Diese „Luftmenschen“ sind vor allem deshalb von der Erde losgelöst, weil ihre Existenz im zaristischen Russland prekär und von Pogromen bedroht ist. Das Großformat „Russland, den Eseln und anderen“ von 1911/12 macht das unmissverständlich klar.

Chagall selbst wird sich später in seiner Autobiographie ebenfalls als Luftmenschen und Grenzgänger beschreiben. Spätestens 1920 als er den harten Kurs der Bolschewiki nach der Revolution nicht mittragen kann, sich mit Kasimir Malewitsch überwirft und die Künstlerische Volkslehranstalt in Witebsk als Lehrender verlässt, fühlt er sich als „Ausgestoßener“.

Baseler Kompetenz

Die soeben eröffnete Ausstellung im Neubau des Kunstmuseums Basel erklärt im Katalog die Luftmenschen und andere Bildmotive sehr überzeugend und bar jeder Schtetel-Romantik. Kein Ort wäre besser geeignet als Basel für diesen erhellenden Blick auf Chagalls Frühwerk. Schon in den 1920er-Jahren erkannte der Schweizer Kunstkritiker und spätere Kunstmusemsdirektor Georg Schmidt das Potenzial des Malers. Und Schmidts Nachfolger in Basel, Franz Meyer, war in der Nachkriegszeit der Chagallexperte schlechthin, hatte er doch Chagalls einzige Tochter Ida geheiratet und eine lange gültige Chagall-Biographie vorgelegt.

Der neue Direktor des Kunstmuseums Basel, Josef Helfenstein, hat nun eine kluge Ausstellung um den Eigenbestand konzipiert. Passgenau ergänzt wird der Nukleus durch eine stattliche Anzahl von Werken aus der Stiftung Im Obersteg. Diese famose, auf Russen konzentrierte Sammlung, ist seit 2004 als Depositum in der Verantwortung des Kunstmuseums Basel.

Blick nach hinten und vorn

In der Schau „Die Jahre des Durchbruchs 1911-1919“ begegnet der Besucher dem vielfach ausgeliehenen Guggenheim-Bild „Paris durchs Fenster“. Hier malt der in Paris im Kreis der tonangebenden Avantgarde lebende Künstler einen Doppelkopf an den unteren Bildrand. Dieses Symbol bezeichnet auch Chagalls Eigenheit: die Fähigkeit gleichzeitig nach hinten – auf das Schtetl – zu blicken und nach vorn  - auf die formalen Errungenschaften der Pariser Kubisten, Futuristen und Orphisten.

Marc Chagall war als Moische Schagalow 1910 nach einem Kunststudium in seiner westrussischen Heimat Witebsk in die Hauptstadt der zukunftweisenden Künste gekommen. Seine Palette hatte sich umgehend aufgehellt und die kühnen Farbkontraste der Fauvisten, Frankreichs Expressionisten, angenommen. Die räumlichen Brechungen der Kubisten übersetzte er, dem Räumlichkeit nicht viel bedeutete, gekonnt in Farbabstufungen. Die Kreise des Orphismus nutzt er segmentweise für verschiedene Bewusstseinsebenen. Doch Chagall, das macht die Schau klar, verlässt die Figuration nie. Mal hat das Phantastisch-Geistige die Oberhand, mal die Realität wie in den Witebsker Familienporträts, die während des 1. Weltkriegs entstanden.

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Der Sturz des roten Engels

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