Repertitorium NS-Kunsthändlernetzwerk unter der Lupe

Die Restitution von NS-Raubkunst scheitert oft an Provenienzlücken. Die soll künftig ein Nachschlagewerk zu Tätern und Opfern im besetzten Paris schließen. Ein deutsch-französisches Vorzeige-Projekt.
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Susanne Schreiber

DüsseldorfDer unglückliche Fall Cornelius Gurlitt hat viel bewegt. In der Forschung zur NS-Raubkunst in Deutschland (s. Arts’n’Drafts vom 6. Dezember 2017), aber auch leicht verzögert und etwas weniger intensiv in Frankreich. Weil Paris während der deutschen Besatzung von 1940 bis 1944 zum absoluten Zentrum des Kunsthandels wurde – Kunst gilt wie Gold in Inflationszeiten als sichere Wertanlage – kommt der Verknüpfung von Archiven und Forscherwissen auf beiden Seiten des Rheins große Bedeutung zu.
Eine der noch (zu) seltenen deutsch-französischen Kooperationen zum aktuellen gesellschaftspolitischen Thema Raubkunst und Restitution ist das an der Technischen Universität Berlin angesiedelte „Repertorium zum französischen Kunstmarkt während der deutschen Besatzung (1940 – 1944). Akteure – Orte - Netzwerke“. Getragen wird das leider nur für zwei Jahre (zu knapp) finanzierte europäische Vorzeige-Projekt von dem Institut National d’Histoire de l‘Art in Paris (INHA), dem Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg und dem Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der Technischen Universität Berlin.

Das Ziel dieses Nachschlagewerkes ist ein alphabethisches open access-Register mit Quellenangaben zu den Kunstmarkt-Akteuren: Zu Auktionatoren und Museumsleuten, beschlagnahmenden Kunsthändlern, Diplomaten, Galeristen, enteigneten jüdischen Sammlern, helfenden Kunsthistorikern und Institutionen, ferner zu Herausgebern von Zeitschriften, Journalisten und Experten auf dem französischen Kunstmarkt. Und zu den mit ihnen in Verbindung stehenden Pendants auf dem deutschen Kunstmarkt im Dritten Reich. Unter der Leitung von Elisabeth Furtwängler (TU) und Ines Rotermund-Reynard (seit 2018 in der Nachfolge von Emmanuelle Polack, INHA) sollen Quellenangaben zu Personen den Besitzerwechsel zahlloser geraubter oder zu Dumpingpreisen erworbener Kulturgüter verortbar machen und bestenfalls zur Restitution führen.

Publikumsträchtige Auktion unter der Leitung von Etienne Ader im Juni 1944.. Quelle: ullstein bild - Roger-Viollet
Galerie Charpentier

Publikumsträchtige Auktion unter der Leitung von Etienne Ader im Juni 1944..

(Foto: ullstein bild - Roger-Viollet)

Ausgangspunkt sind etwa 120 Namen, die dem Personenindex der Dissertation von Emmanuelle Polack zum französischen Kunsthandel während der deutschen Besatzung entstammen. Zu diesen Personen wird in den Pariser Archiven (Archives Nationales, Archives de Paris, Archives diplomatiques des Affaires étrangères u.a.) und in deutschen Archiven (Bundesarchiv in Berlin und Koblenz, Landes- und Museumsarchive sowie einzelne Privatarchive) nach Quellenmaterial recherchiert. Die Einkaufs- und Verkaufsbücher von Hitlers Chefeinkäufern in Paris, Hildebrand Gurlitt und Karl Haberstock, werden ausgewertet.

Überraschend ist für Elisabeth Furtwängler, dass nicht nur die großen bekannten deutschen Museen in Paris günstig gekauft haben, sondern auch zahlreiche Museumskustoden aus kleinen Ortschaften ihre Ankaufsbudgets in Paris ausgaben. Zu vielen Namen gibt es noch wenig Hinweise: etwa zu Vater und Sohn Engel, die als Mittelsmänner für Karl Haberstock arbeiteten, oder zu Carl Meder, der als Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste Hermann Göring persönlich beriet.

Viel versprechend für Rechercheure ist die Tatsache, dass das INHA die Auktionskataloge des HôtelDrouot von 1940 bis 1944 mit dem Repertorium verlinken will. Damit diese kritische Netzwerkanalyse zu einem neuen, effektiven Werkzeug für die internationale Provenienzforschung werden kann, soll sie im Sommer 2019 auf deutsch, französisch und englisch online gestellt werden.

Das DZK hat neben der TU Berlin und dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris den sehr wichtigen Bonner Kongress zum Pariser Kunsthandel (30.11./1.12.2017) mitorganisiert. Die Tagung hat klar gemacht, dass dem internationalen Austausch der vielen Forscher und Archivkenner, dem Vernetzen ihres Wissens in Zukunft entscheidende Bedeutung zukommt. Nur so wird die mühsam kleinteilige Provenienzforschungsichtbar vom Fleck kommen. Dafür braucht sie allerdings nachhaltige Förderung.
Kürzlich hat das DZK auf seiner Website noch eine Kongress-Nachlese veröffentlicht. Wer nicht teilnehmen konnte, findet dort einen Tagungsbericht und etliche Manuskripte oder Audioaufnahmen der Vorträge. Allerdings nicht alle. Dass das DZK den kritisch anregenden Vortrag von Christian Fuhrmeister (Arts’n’Drafts vom 6. Dezember 2017) weggelassen hat, ist weniger ein Zeichen von Offenheit und Transparenz, als vielmehr eines für fehlende Resilienz. Schade.

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