Reza Derakshani
Der Weltenwanderer

Wie sieht zeitgenössische Kunst aus Iran aus? Ein Maler, der abstrakte Bildformen mit Anklängen an die persische Tradition verknüpft, ist Reza Derakshani. Ihm hat die Setareh Gallery seine erste Galerieausstellung in Deutschland eingerichtet.
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DüsseldorfZeitgenössische Kunst aus Iran zu sehen, kommt einem Glückspiel nahe. Das Gastspiel der Farah Diba-Sammlung internationaler westlicher Künstler im Dialog mit der Elite iranischer Malerei ist vergangenes Jahr leider in letzter Minute gescheitert. Es bleiben stets Einzelinitiativen, die Schlaglichter setzen in einer Szene, die so unbekannt ist, wie das (Reise-)Land Iran selbst auch. Mal darf die Assar Art Gallery aus Teheran auf einer Kunstmesse in Istanbul die zeitgeschichtlich dichten Collagen von Samira Alikhanzadeh ausstellen. Mal kommt der Maler Farhad Moshiri in die Schlagzeilen, weil seine Bilder auf internationalen Auktionen bis zu einer Million Dollar bringen.

Zu einer Drehscheibe könnte sich vielleicht die Düsseldorfer Galerie Setareh mausern. Mehrheitlich den Innovationen der Düsseldorfer Kunstakademie einst und heute verpflichtet, hat sie 2016 die Überblicksausstellung „Iran Art Now“ mit 13 Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Generationen gestemmt. In diesem Frühjahr feiert sie den international anerkannten Maler Reza Derakshani (*1952 in nordiranischen Sangsar) mit seiner ersten Galerieausstellung in Deutschland.
Die zweiteilige Schau in der Doppelgalerie ist deshalb interessant, weil Derakshani als Weltenwanderer Westliches und Östliches überzeugend miteinander zu verbinden weiß. Der Maler, Dichter und Performer hat in den 1970er-Jahren in Teheran und in Passadena studiert, und die USA schließlich nach einer zwischenzeitlichen Rückkehr in den Iran doch zu seiner neuen Heimat gewählt.

Etwas kondensierter als in seiner jüngsten Retrospektive im Museum Gunzenhauser Kunstsammlungen Chemnitz trifft der Flaneur bei Setareh auf drei Serien. In „Black Water“ nutzt der Maler ausschließlich die Farben Schwarz und Weiß. Reintonig und allen Zwischentönen kreiert der Künstler eine unausweichliche Atmosphäre der Beklemmung. Der Betrachter sieht in einem Diptychon frontal acht realistisch dargestellte Sängerinnen, vermutlich auf einer Bühne. Die Vorbilder für ihre locker hingeworfenen Porträts fand der Künstler im Bazar in einem Gebinde mit alten Single-Schallplatten.

Auftrittsverbot für Sängerinnen

Doch seit der Revolution dürfen Sängerinnen nicht mehr allein öffentlich auftreten, nur mit einem Chor. Diese Auslöschung des weiblichen Konzertgesangs, findet auf der Leinwand durch fette Farbwischer gestischer Natur statt. Ab dem Jochbein sind die meisten Porträts keine Bildnisse mehr, sondern abstrakte Bilder. Viele der Sängerinnen verschwanden, wurden getötet oder gingen ins Exil – darum baut Derakshani die Tabuisierung und Zerstörung des weiblichen Körpers als Bildstörung ein.

Den Raub der Identität, den die Sängerinnen erleben mussten, kennt Derakshani aus eigener Anschauung. „Sie verlieren nicht nur Ihren Besitz im Exil. Sie verlieren auch Ihre Kraft“, meint der grauhaarige Maler aus Austin, Texas, bei meinem Galeriebesuch lakonisch. Dem Kraftverlust entging er schließlich, indem er in der Serie „Identity Crisis“ im kleinen Format Personenbildnisse buchstäblich zerlegte und wieder zusammensetzte. Die kleinsten Arbeiten liegen bei 4.500 Euro, die mittleren Formate bei 85.000 Euro und die mit Teer und Gold reliefhaft gemalten Diptychen „Exiled Kings and Queens“ bei 220.000 Euro.

Die Welt von Reza Derakshani ist nicht nur Schwarz-Weiß. Die prozesshafte Malerei der amerikanischen Abstraktion verbindet er durch ungezählte Farbschichten mit einer Erinnerung an die eine (von zwei) Traditionslinien der iranischen Kunstgeschichte. Neben der beherrschenden Kalligraphie war das lange Zeit die Miniaturmalerei: Prinzen und Prinzessinnen fanden oder verloren sich im Wald. Herrscher gingen mit Gefolge auf die Jagd. Die Rose und die Nachtigall werden hier zu Symbolen der sich behauptenden Kunst.

Bei Derakshani schälen sich die Reiter und andere Figuren erst nach ruhigem Betrachten aus Gründen in Orange-Rosa, Purpurrot oder Sehnsuchtsblau heraus - mehr Silhouette als plastischer Körper. Aber aufgeladen mit juwelhaften Farbsprengseln. Denn „Hunting you … is Hunting the Light“ wie der Künstler in einem seiner Gedichte gesteht.
„Reza Derakshani. Black Water“ in der Setareh Gallery, Königsallee 27-31, 40212 Düsseldorf bis 25. März 2017

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