Zadik
Wer den Kunstmarkt antreibt

Der Zadik-Leiter Günter Herzog erhält den Art Cologne-Preis für seine Erschließung von Kunstmarktgeschichte. Das Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels wird 25 Jahre alt und ist so wichtig wie nie zuvor.
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DüsseldorfRudolf Springer (1909-2009) hatte ein untrügliches Auge für kommende Künstler und Stilrichtungen, kombiniert mit Eigensinn, Humor und kaufmännischem Geschick. Die Galerie Springer betrieb der Urenkel des Berliner Wissenschaftsverlegers Julius Springer von 1948 bis 1998. Schon 1956 stellte er einen der wichtigsten Nonkonformisten aus der DDR, den Maler und Zeichner Gerhard Altenbourg aus der thüringischen Stadt Altenburg, aus. In den 1960er-Jahren kamen Georg Baselitz, Sam Francis, Allan Jones und der damalige Skandal-Schriftsteller Henry Miller - mit Aquarellen - hinzu. Zeitgenössische Kunst sollte, ja musste die Regeln des Althergebrachten und des guten Geschmacks über den Haufen werfen, fand der viermal Verheiratete. Baselitz‘ Gemälde onanierender Knaben waren ganz nach seinem Geschmack.

1967 zählte Rudolf Springer zu Gründungsgaleristen der weltweit ersten Messe für zeitgenössische Kunst, dem „Kunstmarkt Köln '67“, aus dem die Art Cologne hervorging. Springers Programm mäanderte zwischen Deutschland, Frankreich und den USA, zwischen Informel und Figuration. „Ich habe nie etwas gemacht, was ich nicht wollte. Ganz gleich wie schlecht es war, ich habe nur Kunst gezeigt, an der ich irgendwie beteiligt war. Ich wollte eben keine Sortengalerie, ich wollte auch meinen Charakter vermitteln.“

Das nächste Woche parallel zur Art Cologne erscheinende Heft 27 der Zeitschriften- Reihe „Sediment“ blättert die vielen Facetten dieser Jahrhundertgestalt auf (Verlag für moderne Kunst, Nürnberg). Das Archiv der Galerie Rudolf Springer zählt zu den ältesten und wertvollsten im Zadik. Das Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels ist Herausgeber der Sedimente und feiert in diesem Jahr seine Gründung vor 25 Jahren. Mittlerweile sind 150 Konvolute von Galerien und Institutionen, Sammlern und Kuratoren, Fotografen und Kunstkritikern sein wertvoller Bestand. Tausende von Aktenmetern decken auf – Forscherfleiß vorausgesetzt - wie künstlerische Erfolge zu Stande kamen und welche Strippenzieher Künstlerinnen und Künstler bestärkt, gestützt und gekauft haben, als es noch um Haltung und Inhalt ging und nicht nur um investierte Summen. Jüngster Zugang: 900 Kartons aus dem 2016 geschlossenen Auktionshaus Hauswedell & Nolte in Hamburg.

Geschäfts- und Privatakten, Korrespondenzen mit Künstlern, Sammlern und Museen, Manuskripten und Autographen, Presseberichten, Inventar- und Preislisten und Fotografien werden im Zadik digitalisiert und erschlossen. Eine so erkenntnisreiche wie amüsant zu lesende Blütenlese wird dann jeweils als Themenheft in der Sedimente-Reihe veröffentlicht. Seit 2002 ist der Kunsthistoriker Günter Herzog wissenschaftlicher Leiter des Zadik. Der Chef eines kleinen Teams von Wissenschaftlern hat seit 2008 eine außerplanmäßige Professur an der Universität zu Köln inne. Seit 2015 ist das Zadik als An-Institut an den Fachbereich Kunstgeschichte der Kölner Universität angebunden. Je schneller der globale Kunstmarkt dreht, umso wichtiger ist es zu wissen, wie es lief, bevor sich Kunstmarkt-Statistiker, Anlageberater, Finanzoptimierer, Zocker und Spekulanten zu einer Durchsetzungsmacht aufschwangen.

„Unter der Ägide von Günter Herzog wurde das Zadik zu einer Schnittstelle zwischen Kunstbetrieb und Kunstwissenschaft“, lobt eine Pressemitteilung der Art Cologne. „Seine Kooperationen mit dem documenta Archiv Kassel, dem Wiener Dokumentationszentrum für zeitgenössische Kunst oder der New Yorker Guggenheim Foundation führten zur internationalen Anerkennung des Zadik“. Dafür wird Günter Herzog der Art Cologne-Preis verliehen. Mit 10.000 Euro dotiert, würdigt diese Auszeichnung jährlich herausragende Leistungen der Kunstvermittlung. Vergeben wird der Art Cologne-Preis vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und der Koelnmesse. Zur dankenswerten Förderung durch die SK Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn müssten künftig aber weitere Geldgeber treten. Gemessen an Leistung und Bedeutung des Zadik ist die in Wellen immer wieder prekäre Finanzsituation dieser weltweit vernetzten Forschungseinrichtung eine Schande.

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