Asiataika
Goldgräberstimmung und Enttäuschung

Während westliche Sammler mit herausragender Kunst aus China Kasse machen, verzweifeln die meisten Händler. Sie können mit investitionswilligen Bietern aus China nicht mithalten. New Yorks Asia Week zeigte auch Geschmacksverschiebungen.
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New YorkSie konnte einem schon leichte Furcht einflössen, die riesige aufblasbare Ratte mit Fangzähnen im Bonzen-Dreiteiler und Zigarre vor Sotheby’s Hauptsitz in New York. Aggressiv machte die Transportarbeiter-Gewerkschaft mit ihr auf ihren langen Streik aufmerksam. Im Juli sperrte Sotheby’s 43 Arbeiter aus. Zur Asia Week legten sie noch mal einen Zahn zu: Streikposten hielten auf chinesisch mit „Mieser Boss“ und „Schande“ beschriftete Plakate hoch. Ihre Proteste konnten dem Auktionsbetrieb nichts anhaben, Sotheby’s verließ sich auf Aushilfskräfte.

Kasse machen

Wieder einmal dominierten 1155 chinesische Antiken in der Asia Week (13.-16.9.) das magere japanische und südasiatische Angebot bei Christie’s und Sotheby’s. „Es ist wie ein Goldrausch“, beschreibt es Daniel Eskenazi von der Londoner Spitzenhandlung Eskenazi. Bei den hohen Preisen wollen westliche Besitzer jetzt abkassieren. In den Sälen drängten sich asiatische Händler und Sammler, dazu liefen die Telefonleitungen nach Taipei, Shanghai, Beijing und Hongkong heiß.

Ein junger Chinese mit Kinnbart, Tan Yang von Tan’s Gallery in Beijing, räumte bei Sotheby’s einige der in China heißbegehrten Ming-Möbel ab. Für einen schmalen, aufwendig geschnitzten Tisch aus dem 17. Jahrhundert, den Experten als einen der besten aus dem edlem Jichimu-Hühnerflügel-Holz schätzen, zahlte er allein 386 500 Dollar. „Wir kommen auf jede Auktion, die Preise sind hier viel niedriger als in China“, erklärt er. „Die chinesische Regierung will in der nächsten Dekade über 1000 Museen bauen“, weiß Melissa Chiu, Direktorin der New Yorker Asia Society. Der Bedarf an antiken Asiatika ist daher riesig.

Marktpflege in New York

Nach langer Pause boten Christie’s und Sotheby’s in New York auch wieder erfolgreich klassische chinesische Tuschegemälde und Kalligraphie in größerer Zahl an. Sotheby’s hatte diese in den 80er Jahren sehr erfolgreiche Kategorie 1999 nach Hongkong verlegt. „Wir haben jetzt einen internationalen Markt“, erklärt Sotheby’s Henry Howard-Sneyd (International Business Development) die Entscheidung. „Wir wollen es westlichen Einlieferern und Käufern leichter machen.“

Zu teuer für den Handel

Die chinesischen Bieter sind ja eh hier. Sie hoben am 16.9. spielend Christie’s blau-weiße Pilgerflasche mit Qianlong-Marke und Periode (1736-95) im Stil der früheren Ming-Dynastie mit 2,6 Millionen Dollar auf das Preisniveau von Hongkong. “Es sind sehr schwierige Zeiten für den Handel, man kann nichts mehr kaufen. Der Markt ist im Wesentlichen zu einem Stillstand gekommen“, schildert ein Händler die westliche Perspektive.

Daniel Eskenazi ist einer der wenigen, die noch mithalten können: er setzte bei Christie’s 122 500 Dollar für einen einzigartigen blau-weißen Teller der Yuan-Dynastie (1279-1368) ein, die Taxe hatte bei 20 000 bis 30 000 Dollar gelegen. Bei Sotheby’s zahlte er 1,02 Millionen Dollar für das wichtige, nur 26 Zentimeter hohe vergoldete Buddha-Figürchen der nördlichen Wei-Dynastie (471 n. Chr.) aus japanischem Familienbesitz. New Yorker Händler James Lally jagte bei Sotheby’s asiatischer Konkurrenz einen seltenen, vergoldeten und üppig dekorierten Hutständer der Qianlong-Periode zu 410 500 Dollar ab.

Suche nach Unterbewertetem

Beobachter sind sich einig: offenbar sind die Zeiten des kritiklosen, wilden Kaufrausches der Asiaten vorbei. Immer noch ziehen große Namen, überpreiste und weniger wichtige Ware wird aber gelangweilt links liegen gelassen. Mit Adleraugen erspähen sie dagegen unterbewertete Objekte. So machte das Auktionshaus Freeman’s in Philadelphia am 10.9. durch ein weißes Jadesiegel mit prunkvoll gearbeiteten Knauf in Form eines Doppeldrachens Schlagzeilen. Unten klebte ein handgeschriebenes französisches Sammleretikettchen aus dem 19. Jahrhundert, das Kaiser Qianlong (1735-96) als Besitzer erwähnt. Dafür gab ein asiatischer Saalbieter über 3,5 Millionen Dollar aus. Das Auktionshaus hatte sich bei der Zuschreibung zurückgehalten und die Taxe vorsichtig bei 30 000 bis 50 000 Dollar angesetzt.

Was ist neu in dieser Saison? Chinesen kaufen nun in allen Kategorien, interessieren sich auch für frühe Bronzen, schlichte Ming-Möbel und lange aus der Mode geratene Koromandel-Schnitzlack-Stellschirme. Und sie beschränken sich nicht auf ihre eigene Kunst, wie Hugo Weihe, Experte in Christie’s Abteilung moderner und zeitgenössischer südasiatischer Kunst bestätigt.

Blick nach Indien

Als relativ neuen Trend sieht er chinesische Sammler in seinen Auktionen. Am 13.9. versuchte er diesen schwächelnden Markt durch Qualität anzukurbeln und brachte 13 erstklassige Werke der 1950er- und 1960er-Jahre des im Juni im Alter von 96 Jahren verstorbenen populären Inders MF Husain zusammen. Ein riskantes Unternehmen, es ist noch unklar, wie sich sein Vermächtnis entwickeln wird. Alle wurden verkauft, das Großformat mit seinem bevorzugten Pferdethema  „Sprinkling Horses“ setzte mit 1,14 Millionen Dollar immerhin seinen zweithöchsten Preis.

Gesamtumsatz Asia Week :

Sotheby’s:  31.4 Millionen Dollar brutto (3 Auktionen), Christie’s 75,8 Mio. (6 Auktionen)

Davon chinesische Kunst:

Sotheby’s: 29,15 Millionen Dollar, Christie’s: 60,5 Millionen Dollar  

 Losbezogene Verkaufsquote (insgesamt):

Sotheby’s:  71 Prozent, Christie’s 72 Prozent

 Wertbezogene Verkaufsquote (insgesamt):

Sotheby’s: 74 Prozent, Christie’s: 74 Prozent

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