Asien-Buch
Die Sudoku-Invasion

Der wirtschaftliche und kulturelle Aufstieg Asiens ist nicht aufzuhalten. Diese These vertritt Wolfgang Hirn in seinem Buch „Angriff aus Asien“. Statt einer differenzierten Analyse skizziert der Autor den Untergang des Abendlandes.

DÜSSELDORF. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht über neue Investitionen und Jobverlagerungen nach Asien berichtet wird. Auch zahlreiche Bücher über den Aufstieg des Kontinents sind in letzter Zeit erschienen. Mit „Angriff aus Asien“ legt Wolfgang Hirn nun einen weiteren Beitrag zum Thema vor.

So martialisch wie der Titel ist auch das Buch in weiten Teilen. Hirn spricht von „neuen kalten Kriegen“, dem Kampf um Arbeitsplätze, Rohstoffe und Talente. Die Globalisierung produziere nicht nur Gewinner und viele Verlierer säßen im Westen. „Das postwestliche Zeitalter hat begonnen“, schreibt Hirn, der Lebensstandard wird in den kommenden Jahren sinken.

Tun könne man dagegen nichts - zumindest „bietet dieses Buch keinen grandiosen Entwurf für Gegenstrategien“, gesteht Hirn ein. Die einzigen Rezepte lauten Innovation und Bildung, doch auch da verliere der Westen immer mehr den Anschluss. Der Autor legt den Finger in die richtige Wunde, wenn er die Sonntagsreden der Politik den konkreten Ausgaben für Forschung und Bildung gegenüberstellt.

Doch auch hier neigt Hirn zur Übertreibung, sieht pausenlos lernende Asiaten auf der einen und die feiernden Kinder der Spaßgesellschaft auf der anderen Seite. Das Volk „tanzt auf der Titanic“ und Dieter Bohlen ist Schuld am Untergang des Abendlandes: „Im Westen verehrt man blonde Popsternchen wie Britney Spears, im Fernen Osten dagegen produktive Unternehmensgründer wie Bill Gates.“

Natürlich sind die Industrienationen satt geworden, doch die Analyse ist oft zu plump, klischeehaft und unreflektiert. Auch in Asien gibt es gerade bei der jungen Generation hedonistische Tendenzen und das Streben nach westlichem Lebensstil. Die lange Stagnation in Japan ignoriert Hirn genauso, wie die sozialen Spannungen in den östlichen Boomländern.

Auch inhaltlich ist das Buch über weite Strecken eine Anhäufung von Fakten und Zitaten, eine großartige Fleißarbeit, die aber viel Redundanz produziert. Um zu belegen, dass „Wissen der einzige Rohstoff Deutschlands“ sei, muss man keinen Ex- Deutschland Chef von McKinsey zitieren. Die Wiederholung der immergleichen These „Asien bedroht den Westen“ ist auf die Dauer ermüdend.

Der Journalist des „Manager-Magazins“ sei für die Recherche in Kilometern gerechnet zwei Mal um die Welt gereist, wirbt der Verlag. Viel gesehen hat Hirn dabei jedoch nicht, zumindest ist das Buch arm an szenischen Eindrücken. Oft beschränken sich die Beschreibungen auf den Weg vom Flugzeug zum Hotel. Man erfährt, dass Hirn in Moskau oder Bangalore teuer übernachtet hat und man in Russland eine Sashimi-Suhsi-Platte für 40 Euro bekommt. Doch sind das entscheidende Belege für den wirtschaftlichen Aufstieg dieser Länder?

„Angriff aus Asien“ bietet interessante Abschnitte. Die Beschreibung von Indiens Ingenieurschmieden, den Indian Institutes of Technology, als Erklärung für den Aufstieg zur Softwaremacht beispielsweise. Gut ist auch die Analyse von Asiens kultureller Aufholjagd: Von Game Boy, Manga oder Pokemon, über die im Westen immer beliebteren Filmen aus China und Bollywood, den Siegeszug von Sushi & Co. bis hin zum Sudoku-Phänomen.

Der Autor hat eigentlich genug Stoff und Ansatzpunkte für eine interessante und differenzierte Analyse. Doch stattdessen bevorzugt Hirn die apokalyptische Vision von Europa als kulturellem Disneyland für betuchte Touristen aus Asien.

WOLFGANG HIRN „Angriff aus Asien“ S. Fischer Verlag 288 Seiten, Euro 14,90

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%