Auf den Spuren des Hype – Heldenpathos und Unsinn treffen den spekulativen Nerv der Zeit
Düsseldorfs Galerien bringen zeitgenössische Malerei groß heraus

Auf der Kunstmeile, die sich quer durch die Düsseldorfer Altstadt zieht, führt derzeit kein Weg an der Malerei, speziell der expressiven, vorbei. Beachtliche Einzelausstellungen lenken den Blick insbesondere auf drei Künstler: Walter Gramatté (1897-1929), Dieter Krieg (geb. 1937) und Jonathan Meese (geb. 1970).

DÜSSELDORF. Mit 60 Exponaten breitet die Galerie Remmert und Barth (Mühlenstraße 1) eine veritable Retrospektive auf das Gesamtwerk des jung verstorbenen Spätexpressionisten Walter Gramatté aus. Sie kann dabei aus einem reichen Fundus schöpfen. Denn nach dem malerischen Nachlass hat sie jüngst auch das graphische Werk übernommen. So eröffnet ihre Ausstellung nun einen umfassenden – und erschütternden – Blick auf das zutiefst biografisch grundierte Schaffen dieses Frühvollendeten. Gramatté war schon als 17-Jähriger (freiwillig) den Grauen des Krieges ausgesetzt. Tod, Entsetzen und Angst wurden zur existenziellen Grunderfahrung, die sogar idyllische Motive wie ein Gartencafé in unheilvolle Schwärze taucht.

Mit der großen Kreuzabnahme kann die Galerie ein malerisches Hauptwerk der frühen Jahre präsentieren. Den größten Teil der Schau machen jedoch die lichten Porträt- und Landschaftsaquarelle der 20er-Jahre aus. Glückliche Lebensverhältnisse, insbesondere die Liebe zu der Musikerin Sophie-Carmen (gen. Sonia) Fridmann, seiner zweiten Frau, bringen nun auch in die Kunst des grüblerischen Gramatté eine heitere Gelassenheit. (Bis 30.4., Graphik ab 1 200, Zeichnungen ab 3 000, Aquarelle 7 500 bis 19 000 Euro).

Station zwei: Dieter Krieg bei Wolfgang Gmyrek. Wer erwartet, in der Mühlengasse 5 einmal mehr von Riesenformaten, quellenden Farben und gigantischen Fleischstücken bedrängt zu werden, muss sich neu orientieren. Die jüngsten Bilder, kleinformatige Kohlezeichnungen auf farblosem Acrylgrund, konfrontieren mit Wörtern, denen allenfalls flüchtige Gegenstandsskizzen zur Seite stehen: eine Glocke samt Bettflasche zum Beispiel über dem Schriftzug „Immer draufschreiben, damit man weiß, was es sein soll – also: Glocke + Bettflasche“. Mit spontanen skripturalen Notaten nimmt Dieter Krieg gleichsam malerisch Abschied von der Malerei – zu Preisen von 2 000 bis 14 000 Euro. (Bis 14.5.)

Null Überraschung dagegen in der Galerie Schmela (Mutter-Ey-Straße 3). Bekannte Mittel, vertraute Motive kennzeichnen die 150 mal 200 cm großen Papierarbeiten des notorischen Ironikers Sigmar Polke. Hinter dicken Punktrastern scheinen Geister, Models oder eine Demo auf, gemalte „Collagen“ zitieren banale Comic-Szenen, und zwei abstrakte farbige Kompositionen komplettieren das „typische“ Polke-Ensemble, alles das reine Vergnügen. Kostenpunkt: 150 000 Euro. (Bis 2.4.)

Den aktuellen Schlusspunkt des Malerei-Parcours markiert Jonathan Meese (geb. 1970), der Shooting-Star der „young german art“, bei Sies & Höke (Poststr. 2). 40 Bilder zu Preisen zwischen 2 700 bis 32 000 Euro, davon allein zwölf aus diesem Jahr, überfallen den Betrachter mit entfesselten Farbmassen und grellen Fratzen, mit Fotos und Fundstücken, mit Begriffen und Parolen. Ein halluzinatorisches Chaos, so großspurig wie banal, in dem Sinn und Unsinn, Heldenpathos und Blödelei sich gegenseitig den Boden unter den Füßen wegziehen.

Auf der Armory Show in New York gehörte Meese jüngst zu den hotspots der „neuen Generation von Wertpapier-Sammlern“, die vor allem eines anmacht: Kunstwerke mit starker persönlicher Handschrift (so die „New York Times“). Etliche rote Punkte in der Galerie belegen, dass die New Personality, was immer sie mitzuteilen hat, auch im verhaltenen deutschen Kunstklima den spekulativen Nerv der Zeit trifft. (Bis 16.4.)

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